Russland : Die Oligarchen gehen westwärts

Immer mehr russische Firmen drängen in westliche Märkte. Willkommen sind sie eher selten. Auch wegen der meist engen Verbindungen zum Kreml. Doch langfristig braucht die russische Industrie die Verflechtung.

Moskau - Der FC Schalke 04 soll die Botschaft auf seinen Trikots transportieren: Der russische Energieriese Gasprom stürmt mit aller Kraft auf den deutschen Markt. Als Hauptsponsor des Revierclubs will der vom Kreml kontrollierte Gasförderer endlich positive Schlagzeilen im Westen machen. Denn im abgelaufenen Jahr sorgte das Übernahmefieber der milliardenschweren russischen Energie-, Stahl- und Kommunikationskonzerne im Westen für offene Ablehnung.

Die meisten russischen Investitionsprojekte endeten 2006 in Pleiten, Pech und Pannen. Der SeverStal-Boss Alexej Mordaschow fühlte sich schon als sicherer Sieger im Wettbieten um den luxemburgischen Stahlgiganten Arcelor. Während sich Mordaschow in Moskau mit dem verdächtig wortkargen Arcelor-Vorstand feiern ließ, putzte der indische Konkurrent Lakshmi Mittal weiter unbeirrt bei den Aktionären Klinken - letztlich mit Erfolg. Gasprom biss beim britischen Energieversorger Centrica ebenso auf Granit wie der Moskauer Mischkonzern Sistema bei der Deutschen Telekom.

Die Oligarchen im Kaufrausch hatten offenbar geglaubt, sie würden ebenso mit offenen Armen empfangen werden wie der Pionier Roman Abramowitsch beim verschuldeten Fußballclub Chelsea London. "Niemand rollt für uns im Westen den roten Teppich aus. Um auf die Weltmärkte zu gelangen, muss man sich anstrengen", sagt der Chefökonom des Investmenthauses Troika Dialog, Jewgeni Gawrilenkow. Bislang zeigen sich die Russen im Wettstreit mitunter als schlechte Verlierer. Als der polnische Konkurrent PKN Orlen bei der litauischen Raffinerie Mazeikiu Nafta den Vorzug bekam, blieben plötzlich Öllieferungen aus Russland wegen angeblicher Pipelineprobleme aus.

Nähe zum Kreml zum Selbstschutz

Die engen Verbindungen zwischen dem Kreml und der russischen Wirtschaft tragen zum Misstrauen im Westen bei. Dabei beteuern Unternehmer in Russland, sie suchten vor allem aus Eigennutz die Nähe zum Staat, um nicht das Schicksal des verurteilten Ölbarons Michail Chodorkowski teilen zu müssen. Dass der Kreml wie zuletzt bei Gasprom gezielt ehemalige Geheimdienstler in den Konzernführungen platziert, lässt im Westen ebenso wenig das Vertrauen wachsen wie die spektakulären russischen Auftragsmorde der jüngsten Zeit.

Präsident Wladimir Putin hat erkannt, dass sich die durch die Rohstoffpreise zu gewaltigem Reichtum gelangte Industrie in die Weltwirtschaft integrieren muss, um konkurrenzfähig zu werden. Nach Schätzungen sind russische Konzerne bereits mit etwa 100 Milliarden Euro im Ausland engagiert. Ein Blick auf die Zielländer Zypern, die Bahamas und die Jungferninseln macht jedoch deutlich, dass manche "Investitionen" wohl getarnte Kapitalabwanderungen sind. Immer wieder wird auch die Vermutung geäußert, Russlands Oligarchen suchten einen sicheren Hafen für ihr Geld, da weiterhin unklar sei, wohin Russland nach Putins Ausscheiden 2008 steuern wird.

Gasstreit mit der Ukraine als Lektion

Die Bundesregierung wirbt für eine Verflechtung mit der russischen Wirtschaft, auch um Moskau enger an die europäische Wertegemeinschaft zu binden. Doch wo sind die Russen willkommen? Gasprom beklagt, dass man die Deutschen an eigenen Förderprojekten beteilige, selbst aber nur schwer Zugang zum lukrativen EU-Verbrauchermarkt erhalte. Russlands Gasstreit mit der Ukraine fassten viele EU-Länder als wichtige Lektion auf. Das Angebot der Stadt Düsseldorf, ihre Anteile am Energieversorger RWE an Gasprom abzutreten, blieb ein Einzelfall.

Aufregung herrschte zuletzt um die Beteiligung der russischen Staatsbank VTB am europäischen Luftfahrt- und Rüstungskonzern EADS. Nicht jeder im Westen weiß dabei, dass EADS seit längerem an Russlands größtem privatem Rüstungskonzern Irkut beteiligt ist, der das Rückgrat der Flugzeugbauholding OAK bilden soll.

Konzernmonster aus dem Osten

Wenn im Westen der Ruf "Die Russen kommen" ertönt, verrutschen mitunter die Dimensionen. Bei der Berichterstattung über das russische Telekom-Interesse bekam der Laie den Eindruck, ein Konzernmonster aus dem Osten wolle die Deutsche Telekom verschlucken. In Wahrheit ist Europas größter Telekomkonzern an der Börse fünf Mal mehr wert als die russische Holding Sistema.

Immerhin sorgt nicht jedes Marktgerücht mit russischer Beteiligung gleich für Entsetzen. Als im Herbst kolportiert wurde, Abramowitsch habe ein Auge auf ThyssenKrupp geworfen, bescherte dies dem rheinischen Stahlkocher einen Kurssprung. Zwar glaubte niemand an ein solches Geschäft. "Aber allein der Name Abramowitsch setzt schon Phantasien frei", kommentierte ein Händler das Geschehen. (Von Stefan Voß, dpa)

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