Wirtschaft : Rußland schockt die Banken

KLAUS C.ENGELEN (HB)

FRANKFURT (MAIN) .Für die in Rußland exponierten westlichen Banken reißen die bösen Überraschungen seit dem Rubel-Schock vom August nicht ab.Nachdem die Onexim-Bank Eurobonds nicht mehr bedient und über eine Restrukturierung der Schulden verhandeln will, drohen nun auch drei weitere Banken - die SBS-Agro, Rossiiski Kredit und die Alfa-Bank - die Kouponzahlungen nicht mehr zu leisten.Doch damit nicht genug: Westliche Investmentfonds und -häuser haben wahrscheinlich den Großteil ihrer Verluste von über 18 Mrd.im Markt für kurzfristige Rubelanleihen (GKO und OFZ) erlitten.Rubelabwertung, Schuldenmoratorium und Neuordnung des GKO-Marktes haben den in Rußland exponierten westlichen Banken stark zugesetzt.

Zwischen den westlichen Spitzenbanken und den russischen Behörden ist ein erbitterter Streit um die Neukapitalisierung der russischen Tochterbanken im Gange.Durch die Entwertung der kurzfristigen Rubelstaatspapiere haben westliche Bankentöchter den größten Teil ihrer Eigenmittelausstattung verloren.Denn letztere wurde unter den Auflagen der russischen Bankenaufsicht zum größten Teil in GKO gehalten.Nun drängen die Behörden, vor allem die Notenbank, auf eine Neukapitalisierung.Führende Vertreter westlicher Banken haben den russischen Notenbankchef Viktor Geraschtschenko wissen lassen, daß die Vorstände der Mutterbanken zu einer solchen Rekapitalisierung ihrer Töchter nicht bereit seien.Statt von den westlichen Mutterbanken neue Barmittel zu verlangen, sollten sich die russische Regierung und die Notenbank um alternative Lösungen bemühen.So könne den westlichen Banken erlaubt werden, wie russische Banken eine Sonderbewertung der als Teil der haftenden Mittel gehaltenen Rubelpapiere zu bekommen.Auch eine höhere Bewertung von Immobilien oder sonstiger Aktiva könne helfen.Auf diese Weise würde den westlichen Banken erspart, zum zweiten Mal mit westlichen Hartwährungen in bar ihre Bankoperationen in Rußland zu kapitalisieren.

Der Streit um die Neukapitalisierung ihrer russischen Tochterbanken ist nur Teil der seit dem Rubel-Schock eskalierenden Rußland-Risiken.Im Londoner Club, also dem Verhandlungsgremium, das die Umschuldung der Altkredite an die frühere Sowjetunion durchführte und jüngst ein Restrukturierungspaket für GKO-Papiere schnürte, kommen auf die westlichen Gläubigerbanken neue Belastungen zu.

Wenn jüngst die restrukturierten Altkredite an die frühere Sowjetunion, die als "Prins" gehandelt werden, um ein Drittel anzogen, steht dahinter die Erwartung der Märkte, daß im Zuge der sich verschlimmernden Zahlungskrise der Westen zu einer teilweisen Streichung der sich auf mehr als 150 Mrd.Dollar belaufenden Auslandsschulden Rußlands gezwungen wird.Deshalb steuerten der Londoner Club wie der Pariser Club nach Ansicht des für Osteuropa zuständigen Ökonomen der ING Barings, Philip Poole, auf eine "ähnlich große Schuldenstreichungsaktion nach dem Brady-Plan wie im Fall Polen zu".Der frühere US-Finanzminister Nicolas Brady führte Ende der 80er Jahre den Umtausch notleidender Auslandsschulden lateinamerikanischer Staaten in niedrigverzinsliche langfristige Anleihen oder Discount-Bonds ein, bei denen die Rückzahlung durch Nullkuponanleihen gesichert wurde.Der Ankauf der US-Treasury-Bonds wurde größtenteils durch Mittel der multilateralen Finanzinstitute finanziert.Aus politisch-strategischen Gründen drängten die Amerikaner die übrigen westlichen Gläubiger, vor allem die deutsche Regierung und die deutschen Banken als größte Gläubiger, in eine ähnliche "Brady-Lösung" für das Reformland Polen.Poole: "Ähnlich wie im Fall Polen dürften nun die Amerikaner für Rußland auf Kosten der Steuerzahler und der anderen westlichen Gläubiger im Fall Rußland ihre politisch-strategischen Ziele verfolgen."

Schon seit geraumer Zeit haben Moskaus bedrängte Schuldenmanager die beiden Gläubigerclubs in Paris und London zwecks weiterer Zahlungsentlastungen in die Zange genommen.Nach Ansicht des für Osteuropa und Rußland zuständigen Vorstandsmitglieds der Dresdner Bank, Bernd Fahrholz, kann nur eine weitere Liquiditätshilfe des IWF einen Ausweg aus der Rußlandkrise bringen.Nachdem der IWF Rußland seit Beginn der marktwirtschaftlichen Reformen mit 19 Mrd.Dollar unterstützte, seien aus dem im August 1998 aufgelegten 23-Mrd.-Dollar-Stützungsprogramm nur 4,8 Mrd.Dollar ausgezahlt worden.Mit Rückzahlungsverpflichtungen von 4 Mrd.Dollar in diesem Jahr allein gegenüber dem IWF sei Rußland auf weitere IWF-Auszahlungen angewiesen.

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