Wirtschaft : "Sand ins Getriebe der Finanzmärkte"

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Mit dem Tod des US-Wirtschaftsforschers James Tobin hat die Wissenschaft einen der profiliertesten Ökonomen des zwanzigsten Jahrhunderts verloren. Der Nobelpreisträger war am Montag im Alter von 84 Jahren in Yale im US-Staat Connecticut gestorben. So richtig berühmt wurde James Tobin erst vor wenigen Jahren, als seine Idee einer weltweiten Devisen-Umsatzsteuer unter Globalisierungskritikern immer mehr Anhänger fand. Zu seinen wichtigsten Arbeiten zählen indes seine Analysen über das Verhalten von Unternehmen, Verbrauchern und Anlegern an den Finanzmärkten.

Tobin lehrte seit 1950 an der Elite-Universität Yale und war einer der wichtigsten Wirtschaftsberater von US-Präsident John F. Kennedy. Geprägt war er vom britischen Ökonomen John Maynard Keynes, der unter anderem für mehr Staatseingriffe in die Wirtschaft plädierte. In diesem Zusammenhang entwickelte Tobin 1972 die Spekulationssteuer, die auf den Kauf und Verkauf von Währungen erhoben werden sollte.

Hintergrund von Tobins Idee waren die Gefahren durch die Einführung flexibler Wechselkurse, die das goldbasierte Nachkriegs-Währungssystem ersetzt hatten. Mit einer Steuer auf Transaktionen sollten Spekulationen unrentabel gemacht werden, der internationale Handel aber unberührt bleiben. So würde, hoffte Tobin, nur Kapital fließen, dem auch fundierte Wert gegenüberstehen, Angriffe von Spekulanten auf eine Währung aber unterbleiben. Die Notenbanken müssten so Kurse nicht mehr durch wachstumsschädliche Zinserhöhungen verteidigen. Die Abgabe solle "Sand ins Getriebe der Finanzmärkte" streuen, hoffte er.

Eingeführt wurde die Tobin-Steuer jedoch bislang nicht. Zwar unterstützen viele Globalisierungskritiker die Zwangsabgabe, und auch Frankreichs Premier Lionel Jospin sowie die deutsche Entwicklungshilfe-Ministerin Heidemarie Wieczorek-Zeul (SPD) begrüßten die Steuer. Wissenschaftler und die Finanzwelt kritisieren jedoch, sie sei nicht umsetzbar und behindere die weltweite Wirtschaftsentwicklung. Auch Tobin verwahrte sich zuletzt dagegen, von den Globalisierungskritikern vereinnahmt zu werden. Er fühle sich missverstanden, sagte er in einem seiner letzten Interviews. Seine Steuer solle nicht die Globalisierung bremsen, sondern kleinen Ländern bei der Kontrolle ihrer Währung helfen, sagte er.

Mit dem Nobelpreis war er 1981 indes für Arbeiten ausgezeichnet worden, die weniger populär waren: etwa die Portfolio-Theorie oder die wechselseitigen Einflüsse von Finanzmärkten auf Ausgaben, Beschäftigung oder Produktion einer Volkswirtschaft.

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