Wirtschaft : Sauerstoffgeräte für 3,7 Milliarden Euro

Industriegase-Spezialist Linde punktet im Duell mit der Konkurrenz. Konzernchef Reitzle reicht das nicht.

Axel Höpner

München - Linde-Chef Wolfgang Reitzle setzt in seiner dritten und letzten Amtszeit noch einmal auf Risiko. In den vergangenen Jahren hatte er sich voll auf die Integration des 2006 für mehr als zwölf Milliarden Euro übernommenen Konkurrenten BOC konzentriert. Mit Erfolg – der Zukauf gilt als eine der seltenen gelungenen Großfusionen in der Industrie.

Nun wagt Linde den nächsten großen Schritt: Der Industriegase-Spezialist übernimmt für 4,6 Milliarden Dollar (knapp 3,7 Milliarden Euro) die US-Firma Lincare. „Diese Transaktion wird Wert für unsere Eigentümer schaffen“, zeigte sich Reitzle am Montag zuversichtlich. Lincare versorgt Atemwegspatienten zu Hause mit Sauerstoffgeräten und Zerstäubern und erlöste zuletzt 1,8 Milliarden Dollar. Mit dem Kauf steigt Linde nach eigener Einschätzung mit einem Umsatz von 2,8 Milliarden Euro zum „weltweit führenden Healthcare-Anbieter der Gaseindustrie“ auf.

Im ewigen Duell mit dem Erzrivalen Air Liquide hat Linde damit wieder gepunktet, sollte die Integration ähnlich gut und geräuschlos gelingen wie im Fall von BOC. Auch die Franzosen hatten Interesse an Lincare. Große Übernahmemöglichkeiten sind in der Branche oft schon aus kartellrechtlichen Gründen rar gesät. Die drei größten Konzerne (Air Liquide, Linde und Praxair) teilen sich mehr als die Hälfte des Weltmarkts für Industriegase. Das Geschäft mit Gesundheitsgasen gilt auch wegen der demografischen Entwicklung als attraktiv.

Reitzle will nun an zwei Punkten gewinnen. Zum einen hat Linde in den USA seit jeher Nachholbedarf bei den Marktanteilen. Die Münchener machen auf dem wichtigsten Markt der Welt nur ein Fünftel ihres Umsatzes, dabei entfällt ein knappes Drittel des Weltmarkts auf die USA. Zudem hat Reitzle das Gesundheitsgeschäft als Wachstumsfeld für seine ehrgeizigen Mittelfristpläne definiert.

Als besonders attraktiv gilt mit Wachstumsraten von sechs Prozent im Jahr das sogenannte Homecare-Geschäft mit medizinischen Gasen für die Behandlung außerhalb von Krankenhäusern. Hier war Air Liquide bislang deutlich stärker. In einem ersten Schritt erwarb Linde Anfang des Jahres für 590 Millionen Euro das europäische Homecare-Geschäft des Rivalen Air Products. Der Umsatz der eigenen HomecareSparte wurde so von 280 auf knapp 500 Millionen Euro gesteigert.

Nun kauft Linde mit Lincare einen weiteren, deutlich größeren Homecare-Spezialisten. Die beiden Unternehmen haben gemeinsame Wurzeln: Lincare hieß ursprünglich Linde Homecare Medical Systems und gehörte bis 1917 zu Linde, als die Sparte damals an Union Carbide verkauft wurde. Der jetzige Kaufpreis liegt beim etwa Zehnfachen des letzten operativen Ergebnisses (Ebitda) von Lincare. Bank-of-America-Analyst Markus Mayer nannte die Übernahme „sinnvoll, aber nicht billig“. Vor 2015 werde die Übernahme kaum die Kapitalkosten decken.

Linde kann die Übernahme finanziell stemmen, weil sich der Konzern in den vergangenen Jahren auf den Schuldenabbau konzentriert hatte. Nach der BOC-Übernahme lag die Nettoverschuldung kurzzeitig bei 12,8 Milliarden Euro. Zuletzt betrug sie nur noch rund fünf Milliarden Euro. Das eröffnete Spielraum für neue Zukäufe. Linde will für die Übernahme einen Akquisitionskredit von 4,5 Milliarden Dollar nehmen. Einen Teil davon will der Konzern durch eine Kapitalerhöhung refinanzieren. So will Linde bis zu 1,5 Milliarden Euro einsammeln. An der Börse kam das nicht sonderlich gut an. Mit einem Minus von 1,7 Prozent war Linde Tagesverlierer im Dax. Wolfgang Reitzle blickt aber bereits weiter voraus: Weitere Übernahmen wollte er am Montag ausdrücklich nicht ausschließen. (HB)

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