Wirtschaft : Schaumwein aus antiken Birnen

„Leicht bekömmlich und Extra Brut“ – wie die Champagnerbratbirne wieder entdeckt wurde

Flora Wisdorff

Schon Anfang des 19. Jahrhunderts gab es ihn, den „Schaumwein aus der Obstsorte Champagnerbratbirne“. Jörg Geigers Großvater machte ihn auch noch, „aber nur für den Hausgebrauch“, sagt der 35-Jährige. Er hat sich vor neun Jahren gedacht: Das müsste man doch mal wieder ausprobieren. Schließlich standen ja auf seinem Grundstück noch die vielen alten Bäume mit den rundlichen, grünen Birnen, die roh so gut wie ungenießbar sind.

Er probierte es aus – und setzte die ersten Flaschen seinen Gästen im Gasthof vor, den er von den Eltern übernommen hatte. „Die waren begeistert“, sagt Geiger. Inzwischen verkauft er pro Jahr 20000 bis 30 000 Flaschen seines Schaumweines aus der antiken Obstsorte, der „leicht bekömmlich und Extra Brut ist“ – mit nur 8,5 Prozent Alkohol.

Geiger ist Mitglied einer Bewegung, die das Ziel hat, in Vergessenheit geratene Obstsorten wiederzufinden und zu erhalten. Deutschlandweit zählt der Verein der Pomologen – das ist die Lehre von den Obstarten und Obstsorten – inzwischen rund 5000 Mitglieder. „Unser Ziel ist der Erhalt der alten Sorten“, sagt Hans-Thomas Bosch, der Vize-Chef des Vereins, der sich 1991 gegründet hat. Die Pomologen stöbern Sorten auf, die der Handel aussortiert, weil sie nicht perfekt genug aussehen. Sogar die EU gibt Geld für den Erhalt der alten Sorten aus, schließlich geht es dabei auch um dem Erhalt der Streuobstwiesen und damit traditioneller Kulturlandschaften.

Auch die Champagnerbratbirne gehört dazu. Sie wächst vor allem in der Nähe von Stuttgart. Rund um Göppingen, wo der Gasthof „Lamm“ steht, sammelt Geiger die Birnen für den Schaumwein ein. Auf seinen Streuobstwiesen stehen viele bis zu 150 Jahre alte Bäume, aber die reichen inzwischen nicht mehr aus für die Nachfrage. Den Rest kauft er bei rund 150 Lieferanten – meist Privatleuten, die ein oder zwei Bäume auf ihrer Wiese stehen haben. Der Schaumwein wird nach dem so genannten „Flaschengärverfahren“ hergestellt – das Getränk bleibt mindestens neun Monate in der Flasche, bevor es zum Ausschank kommt.

Geiger setzt auch auf andere alte, heutzutage unbekannte Apfelsorten, wie Gewürzluike, Bittenfelder und Bonäpfel, ausschließlich von alten Streuobstwiesen, aus denen er Apfelweincocktails herstellt. Seine Aktivitäten brachten Geiger schon viel Lob ein: Der Gasthof „Lamm“ wurde 2001 mit dem Kulturlandschaftspreis ausgezeichnet, verliehen vom Schwäbischen Heimatbund für den „besonderen Einsatz zur Erhaltung der Kulturlandschaft Streuobstwiese“. Außerdem wurde der Birnenschaumwein von der Vereinigung „Slow food“ in die „Arche des Geschmacks“, einer Initiative zur Erhaltung schützenswerter regionaler Produkte, aufgenommen.

Aber es gab auch negative Reaktionen – aus Frankreich: Das Getränk hat einen etwas komplizierten Namen: „Birnenschaumwein aus der Obstsorte Champagnerbratbirne“. Dem französischen Verband der Champagner-Hersteller gefiel es gar nicht, dass auf den Etiketten des Schaumweines das Wort „Champagner“ stand – wenn auch mit der Obstsorte Bratbirne direkt dahinter. Der Verband zog vor das Landgericht in Stuttgart und erreichte, dass nur noch „Birnenschaumwein“ draufsteht. Geiger erhob Einspruch beim Bundesgerichtshof. Er hofft, dass bald eine Entscheidung fällt.

Im Herbst braucht er nämlich neue Etiketten. Auf denen würde der Hersteller gerne zusätzlich vermerken „hergestellt aus der Champagnerbratbirne“. Statt des „C“ soll dann eine Birne vor dem h stehen. Expandieren will – oder kann – Geiger aber vorerst nicht mit seinem Schaumwein. Denn das Potenzial an Birnbäumen ist erst einmal ausgeschöpft. Jetzt muss der Hersteller warten, bis die vielen neuen Bäume heranwachsen. Doch bis daraus ein „nennenswerter Ertrag“ entsteht, können noch 30 Jahre vergehen.

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