Schauspieler als Coach : Mut zum Spiel

Ob Vortrag oder Meeting: Stimme und Mimik müssen überzeugen. Schauspieler lehren, wie man richtig atmet, steht und spricht. Das macht nicht nur Spaß, davon profitiert man auch im Job.

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Peinlichkeit überwinden. Je entwickelter die Stimme und je offener die Mimik, desto mehr wird von der eigenen Persönlichkeit sichtbarer. Foto: ddp
Peinlichkeit überwinden. Je entwickelter die Stimme und je offener die Mimik, desto mehr wird von der eigenen Persönlichkeit...Foto: ddp

Elmar Golonske dachte immer, er wirkt ganz anders. Bis ihn der Teilnehmer eines Kurses in beruflicher Kommunikation in einer Schauspielübung spiegelte, also nachmachte. „Ich war ganz schön verblüfft“, sagt der Kursleiter. Gemeinsam mit Schauspielern des Deutschen Theaters finden seit Anfang des Jahres Workshops an der Europäischen Wirtschaftsfachschule am OSZ Banken und Versicherungen statt. Schauspieler bringen Berufstätigen, die sich zum Betriebswirt weiterbilden, bei, wie sie richtig atmen, stehen und sprechen. Um besser reden, argumentieren und überzeugen zu können. Schulleiter Dietrich Sachse ist beisgert von der Kooperation.

„Kommunikation ist der Schlüssel“, sagt Sachse. Zum beruflichen Erfolg. Und zu 90 Prozent würden non- und paraverbale Faktoren darüber entscheiden, ob eine Botschaft richtig ankommt. Seit über zehn Jahren gibt die Europäische Wirtschaftsschule Workshops in Sachen Kommunikation. Seit Anfang des Jahres lehren auch Theaterprofessionals. „Es geht um Wahrnehmung, Entwicklung und Präsentation“, sagt Birgit Lengers vom Jungen Deutschen Theater, die die Kooperation mitbetreut. Und das könne man sehr gut von Schauspielern lernen. Denn es gehe auf der Bühne wie im Beruf darum, wie man sich darstellt. „In beiden Bereichen braucht man die Fähigkeit, Situationen und Reaktionen zu deuten und dementsprechend zu reagieren“, sagt die Dramaturgin, die bisher zwei Workshops mit den angehenden Betriebswirten leitete.

Beyoncé Knowles
Beyoncé KnowlesFoto: dpa

Schauspieler können das, einen Raum mit ihrer Stimme füllen und die richtige Mimik zum Gesagten aufsetzen. Gelernt haben sie das durch Stimm- und Atemtechniken sowie einem geschärftes Wahrnehmungsbewusstsein. Birgit Lensken macht besonders gerne folgende Wahrnehmungsübung mit den Büromenschen: Die Gruppe läuft durch den Raum, jeder soll sich frei bewegen, die Umgebung, die Gruppe und sich selbst wahrnehmen. Dann sollen alle den Raum gleichmäßig ausfüllen und Lücken schließen. Dabei lernten die Teilnehmer etwas, was auch für Schauspieler essentiell ist: Eine Gruppe zu sein, etwas zusammen zu machen, Aktion und Reaktion. Ein Schauspieler steht schließlich nicht allein auf der Bühne, sondern muss das Publikum erreichen und auf seine Spielpartner eingehen. Lensken weiß: Die Techniken aus dem Theater vermitteln auch Teamleitern, Verwaltungsangestellten oder Kundenbetreuern die im Berufsleben viel beschworenen Soft Skills wie Wahrnehmung, Dialogfähigkeit und soziale Kompetenz.

Auch Florian Lisken bringt das seine Kunden bei. Der Coach verbindet Modelle aus der Kommunikationspsychologie mit Elementen aus Bühne und Regie, seit 2000 steht er auch selbst immer mal wieder mit eigenen Stücken auf der Bühne. Mit Hilfe des Schauspiels sollen seine Kunden wie Mitarbeiter der Deutschen Post entdecken, was und wer alles in ihnen steckt und mutiger werden, das auch zu zeigen. Er arbeitet hauptsächlich mit Firmen und Hochschulen.

„Das Ziel ist nicht zu lernen, Kunden oder Kollegen etwas vorzuspielen, sondern authentisch und souverän zu sein“, sagt Lisken. Denn überzeugen könne nur, wer Begeisterung rüberbringen könne. Und das gelingt am ehesten, wenn jemand gestikuliert und eine laute feste Stimme hat. Doch er höre oft, im Beruf müsse man souverän sein. Daher trauten sich viele nicht, Persönlichkeit zu zeigen. Aber genau das führe zum Erfolg. „Wenn ich offen und frei bin, erlaube ich das meinem Gegenüber auch“, sagt er. Nach einem Coaching treten seine Kunden idealerweise nicht als Schauspieler, sondern als Persönlichkeit auf. Gelingen soll das durch Rollenspiele, Sprechübungen und viel Humor.

Einfach mal was singen, kann da bereits helfen. Birgit Lensken vom Jungen Deutschen Theater macht aus ihren Teilnehmer gerne mal einen Chor. „Die Mitmachenden sollen merken, dass sie in der Gruppe nicht untergehen, sondern ein aktiver und wichtiger Teil des Teams sind“, sagt sie. Und das sie ihre Stimme nutzen können, um in einer Gruppe gehört zu werden. Auch die Gesangslehrerin Annette Isenbart nutzt das Singen zum Sprech- und Stimmtraining.

„Die meisten Menschen laufen angespannt durchs Leben“, sagt sie. Und das höre man dann an der Stimme: zu leise, kehlig, heiser. Meist seien das Menschen, die wenig von sich zeigen wollen. Und das ist nicht gut für die berufliche Kommunikation. Die Stimme drückt die eigene Persönlichkeit aus, darin sind sich Schauspieler und Sänger einig. „Über die Stimme entscheiden wir, ob wir jemanden sympathisch oder glaubwürdig finden“, sagt Isenbart. Auch am Telefon würde über den Klang der Stimme ein Bild vom Menschen am anderen Ende der Leitung entstehen. Wer also mit leiser Stimme spricht, dabei nicht richtig atmet und Silben verschluckt oder zu schnell spricht, wirkt wenig überzeugend. Mitreißen geht anders. „Durch Gesangstraining kann man das lernen“, sagt Isenbart. Atem und Sprechen werden dabei mit trainiert, es wird alles kontrollierter.

Auch das viele Sitzen in Büros ist nicht gut für die Stimme. Dabei wird der Bauch zusammengepresst und die Stimme rutscht in den Brustkorb, erklärt Gesangslehrerin Isenbart. Doch eine volle Stimme kommt aus dem Bauch. Die trainiert sie mit Entspannungsübungen für die Kehle, Atemtechniken, Artikulationsübungen und Lautbildung. „Dabei sieht man nicht immer gut aus“, sagt sie. Über den Gesang lernen ihre Schüler – von Studenten bis Pastoren – die eigene Stimme wieder kennen und Hemmungen zu verlieren. Sich trauen, damit einen Raum zu erfüllen.

Von heute auf morgen gelingt das nicht: „Der Körper braucht lange, um etwas neues zu automatisieren“, sagt Annette Isenbart. Interessierte sollten mit einem Jahr rechnen, nach 100 Tagen würden sich Erfolge einstellen, dann sei das Motto, weiter zu üben. Und dazu gehört auch, weniger zu sitzen. Denn für eine volle Stimme ist eines auch ganz entscheidend: der richtige Stand. Mit beiden Beinen fest auf dem Boden stehen, Körperhaltung und -spannung – auch das lehren Techniken aus der Bühnenkunst. Und alles transportiert, wie sich jemand darstellt. Und ob man überzeugt.

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