Wirtschaft : Schlechte Chefs

Wer mit seinen Vorgesetzten unzufrieden ist, sollte aufhören zu jammern und sie positiv beeinflussen.

Chefs können ganz schön nerven. Doch statt sich aufzuregen, können Arbeitnehmer den Spieß auch einfach umdrehen: Führen von unten oder „Cheffing“ nennen Fachleute das. „Jeder, der mit seinem Vorgesetzten unzufrieden ist, sollte versuchen, ein Stück weit Einfluss auf ihn zu nehmen“, rät Karrierecoach Heinz-Jürgen Herzlieb aus Niedernberg. Denn seinen Vorgesetzten auszutauschen, sei allemal schwieriger, als ihn sich ein bisschen zurechtzubiegen. Aber man darf den Bogen auch nicht überspannen.

„Seinen Chef zu führen, ist ein unterschwelliges Tauschgeschäft“, sagt Martin Wehrle, Karrierecoach aus Appel bei Hamburg. „Der Chef darf sich dabei nie als Verlierer fühlen. Er muss das Gefühl haben, dass er frei entscheidet und sein Mitarbeiter ihn nur mit Informationen versorgt.“ Um die Grundsätze von „Cheffing“ zu verstehen, müsse man einmal um die Ecke denken. „Das Image, das eine Abteilung und ihre Mitarbeiter haben, hängt immer auch davon ab, wie der Chef sie repräsentiert“, sagt Herzlieb. Das heißt: Wenn der Chef eine gute Figur abgibt, tut das auch seinen Mitarbeitern gut. Selbst wenn man wirklich einen unfähigen Chef hat, helfe es nicht weiter, nur über ihn zu meckern. Den Chef bei seiner Arbeit zu unterstützen, nütze letztlich aber der ganzen Abteilung.

Das fange in ganz kleinen Situationen an, sagt Herzlieb. Manchmal verteilten Chefs etwa Aufträge, die in den Augen des Mitarbeiters keinen Sinn machen. In so einem Fall sollte man am besten nachfragen, welcher Aufwand dafür gerechtfertigt sei und welches unternehmerische Ziel dahinter stehe. Durch die Rückfragen sehe mancher Chef erst den Arbeitsaufwand, den es zur Bewältigung der Anweisungen braucht. Die Folge: Beim nächsten Mal ist der Chef entsprechend geschult und überlegt sich die erneute Vergabe des Auftrags zweimal.

Einen chaotischen Chef, der Termine übersieht oder Aufgaben doppelt delegiert, könnten Angestellte beim Organisieren unterstützen. So könnten sie den Chef etwa regelmäßig an Termine erinnern. „Das hat den Vorteil, dass man nicht mehr dem Chaos ausgesetzt ist und dass man als rechte Hand vom Chef unentbehrlich für ihn wird“, sagt Wehrle.

Ein oft unterschätztes Mittel beim Führen von unten sei es, den Chef zu loben, sagt Ingo Krawiec, Managementtrainer aus Mannheim. „Chefs springen genau wie alle anderen Menschen auf Lob und Anerkennung an.“ Dabei gehe es gar nicht darum, sich einzuschleimen. „Aber wenn einem auffällt, dass der Chef einen guten Job für sein Team macht, dann kann man ihm das auch sagen.“ Die Chance steige dann, dass er das beim nächsten Mal genauso macht.

Die meisten Chefs seien auch sehr offen dafür, sich von ihren Mitarbeitern ein Stück weit beeinflussen zu lassen. „In vielen Unternehmen gibt es ja inzwischen relativ flache Hierarchien. Da ist es gewollt, dass die Mitarbeiter mitdenken, Ideen einbringen und auch selbst Verantwortung übernehmen“, sagt Krawiec. Eines allerdings sollte man tunlichst lassen: Seinen Chef hinterrücks beeinflussen zu wollen, warnt Herzlieb.

„Einflussnahme sollte durch offenen Dialog erfolgen. Wenn der Chef merkt, dass man ihn manipulieren will, kann das schiefgehen.“ Führen von unten funktioniere nur, wenn auch der Chef profitiere und sich deshalb auf die Einflussnahme seiner Mitarbeiter einlasse. „Unternehmen werden nicht basisdemokratisch geführt. Es gibt ein Oben und ein Unten. Und wenn oben Entscheidungen getroffenen werden, dann kann man unten zwar den Finger in die Wunde legen, aber letztlich ist man von den Entscheidungen oben abhängig“, sagt der Coach.

Deshalb dürfen Mitarbeiter den Chef auch nicht blamieren. Schließlich müssen sich Mitarbeiter beim Cheffing noch eine Regel merken. Wenn irgendetwas gut läuft, sollten Mitarbeiter nicht den Fehler machen und den Erfolg für sich reklamieren. „Das ist oft ein Deal, den man eingeht“, sagt Martin Wehrle. Im Gegenzug könne man dann ja bei seinem Vorgesetzten einen anderen Wunsch äußern. Das sei das Tauschgeschäft, auf das man sich beim „Cheffing“ einlassen müsse. dpa

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