Wirtschaft : Schleichende Schwindsucht

DANIEL WETZEL

Die Bewag hat die Dynamik des liberalisierten Energiemarktes möglicherweise unterschätzt.Zwar war in den ersten Monaten nach der Liberalisierung des Strommarktes im April kaum etwas passiert - inzwischen aber kennen die Kunden der ehemaligen deutschen Strom-Monopolisten keine Freunde mehr.Da hilft es der Bewag auch nicht, wenn sie mit PreussenElektra und Bayernwerk mächtige Anteilseigner hat: Die Konkurrenz aus Hamburg und Baden-Württemberg drängt in ihr Versorgungsgebiet und wildert in der Kundenkartei.Dem Kerngeschäft des Berliner Stromversorgers droht schleichende Schwindsucht.

Mag die Bewag in den vergangenen Jahren auch ihre Industriepreise um 15 Prozent gesenkt haben: Gegen den Strom aus abgeschriebenen westdeutschen Kraftwerken kann der Berliner Branchenwinzling nicht konkurrieren.Die Schutzklauseln, hinter denen sich die Bewag verbarrikadiert, sind möglicherweise durchlässiger, als das Unternehmen selbst zugeben will: Kartellrechtsexperten jedenfalls halten eine "Zwangsöffnung" des Bewag-Netzes für Konkurrenzstrom für wahrscheinlich.Die freie Konkurrenz auf dem Energiemarkt, so scheint es, wird bald ebenso furios, wie der Wettbewerb auf dem Telekommunikationsmarkt.

Vor diesem Hintergrund hat die Berliner Bewag den Ausbau neuer und wachsender Geschäftsfelder möglicherweise zu spät und nicht intensiv genug vorangetrieben.Beim Aufbau eines Stromhandelsgeschäfts jedenfalls scheinen Konzerne von Enron bis RWE die Nase weit vorn zu haben.Der Einstieg ins Entsorgungsgeschäft ist geplatzt, die Telekom-Pläne sind bislang nicht mehr als Luftschlösser.Die Aktionäre der Bewag müssen sich wohl mit dem Gedanken vertraut machen, daß es mit den hohen Kursteigerungen der vergangenen Jahre bald schon vorbei ist.

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