Wirtschaft : Schluss nach 155 Jahren

Schering, der traditionsreiche Berliner Pharmakonzern, verliert auf einer außerordentlichen Hauptversammlung seine Unabhängigkeit

Maren Peters

Berlin - Es war exakt 10.31 Uhr, als Hubertus Erlen ansetzte, endgültig Abschied von seinen Aktionären zu nehmen. Dass es auch ein Tag der Niederlage war, ließ sich der scheidende Vorstandsvorsitzende des Berliner Pharmakonzerns Schering äußerlich nicht anmerken. Gefasst, ruhig und ernst las der 63-Jährige auf der außerordentlichen Hauptversammlung im Internationalen Congresscentrum (ICC) gleich am Anfang seiner Rede den entscheidenden Satz vom Manuskript: „Nach 155 Jahren erfolgreichen Geschäfts in Unabhängigkeit geht es heute um Ihre Entscheidung zum Abschluss eines Beherrschungs- und Gewinnabführungsvertrags.“

Mit der Zustimmung der Aktionäre zu diesem Vertrag – die bei Redaktionsschluss noch nicht vorlag, aber als sicher galt – endet 155 Jahren nach Gründung der „Grünen Apotheke“ Scherings Dasein als unabhängiges Berliner Pharmaunternehmen. Künftig werden die Erfinder der Anti-Baby-Pille Teil des Bayer-Konzern sein, der Schering nach einer dramatischen Übernahmeschlacht für knapp 17 Milliarden Euro kauft. Den neuen Namen „Bayer Schering Pharma AG“ sollten die Aktionäre gestern per Satzungsänderung beschließen.

„Wir verlieren unsere Unabhängigkeit unfreiwillig, und das bedaure ich sehr“, sagte Aufsichtsratschefs Giuseppe Vita. „Ich bin aber überzeugt, dass wir bei Bayer gut aufgehoben sind.“

Von Wehmut war bei der Hauptversammlung nur noch wenig zu spüren. Für die rund 250 Aktionäre, die sich im ICC verloren, stand ein anderes Thema im Vordergrund: die Höhe der erwarteten Abfindung.

Bayer hält seit der vergangenen Woche mehr als 95 Prozent der Schering-Anteile. Damit hat der Konzern das Recht, in einem so genannten Squeeze-out-Verfahren die restlichen Aktionäre ohne Zustimmung, aber gegen Abfindung aus dem Konzern zu drängen. Bayer habe bisher zwar noch keinen entsprechenden Antrag eingereicht, sagte Erlen. „Wir gehen allerdings davon aus, dass ein derartiges Verlangen kurzfristig gestellt wird.“

Bayer hatte 89 Euro je Schering-Aktie bezahlt, zum Börsenschluss notierte das Papier gestern bei 91,50 Euro. „Der tatsächliche Wert dürfte über 91 Euro liegen“, sagte Malte Diesselhorst von der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW). Er riet zur Gelassenheit.

Bis die Aktionäre nach einem Squeeze-out das Geld sehen, vergehen in der Regel einige Jahre. Das erwartet der DSW-Mann auch bei Schering. Er gehe „fest davon aus“, dass es ein Spruchverfahren geben werde, sagte Diesselhorst. 90 Prozent dieser Verfahren, bei denen die Höhe der Abfindung überprüft wird, enden nach DSW-Angaben mit einer Nachzahlung für die Aktionäre. So lange nicht auch die letzte Aktie im Besitz von Bayer ist, muss es auch Hauptversammlungen geben. „Die Schering-Abschiedsparty geht weiter“, sagte Diesselhorst.

Das Thema Abfindung interessierte die Aktionäre auch in anderer Hinsicht – bei der Frage, wie viel Geld die vier Schering-Vorstände erhalten, die ausscheiden. Die Antwort gab Aufsichtsratschef Vita. Zusammen rund 13,1 Millionen Euro erhalten die vier als Ausgleich, weil sie vor Ablauf ihres Vertrages gehen. Hinzu komme eine Einmalzahlung von zusammen mehr als elf Millionen Euro, insgesamt also mehr als 24 Millionen Euro. Erlen, der in den Aufsichtsrat wechselt, erhält demnach 6,6 Millionen Euro. Das sei „angemessen“, betonte Vita.

Die Aktionäre teilten diese Einschätzung nicht. Aus Corporate-GovernanceSicht werfe die Abfindungsregelung viele Fragen auf, kritisierte Christian Strenger. Er ist nicht nur Privataktionär, sondern auch Aufsichsratschef der Fondsgesellschaft DWS und war Mitglied in der Corporate-Governance-Kommission der Regierung, die Regeln für eine gute Unternehmensführung formuliert hat. Strenger monierte, dass Schering die Abfindungsklausel erst 48 Stunden vor der ersten Übernahmeofferte des Konkurrenten Merck verabschiedet hatte, die im März den Übernahmepoker auslöste.

Die Mitarbeiter von Schering müssen sich mit den Antworten auf ihre Fragen noch länger gedulden. Eine Betriebsrätin beklagte die „bohrende Ungewissheit“, doch Auskünfte zum weiteren Fahrplan gab es gestern nicht. Bayer-Chef Werner Wenning, der Aufsichtsratschef des neuen Unternehmens wird, hatte angekündigt, 6000 Jobs abzubauen. Die Umsetzung wird auch Aufgabe des neuen Vorstands sein, der heute bestellt wird.

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