Wirtschaft : Schmelztiegel von Aktivitäten und Sorgen

KATHRIN SPOERR

Die Flure mit ihrem grauen Filzbelag und den weißen Wänden atmen ein wenig den Geist eines öffentlichen Verwaltungsgebäudes.Auch die violetten Türfassungen können den Eindruck des Staatsnahen nicht recht zerstreuen.Aus der einen oder anderen Tür klingen fremdartig Worte.Lettisch? Polnisch? Wer erkennt schon die phonetischen Nuancen? Daß es etwas aus dem Osten sein muß, weiß man einfach, wenn man hierher kommt: Ins Ost-West-Kooperationszentrum, kurz: OWZ in Adlershof.Unternehmen aus Rußland, dem Baltikum, Ungarn, der Ukraine, aber auch deutsche Firmen, die in den Ostmarkt investieren, haben hier ihre Firmenschilder angeschraubt.Vor einem guten halben Jahr hat das OWZ seine Büroräume geöffnet.Wer in irgendeiner Weise seine unternehmerischen Antennen in Richtung Osten ausgerichtet hat, soll hier einen Anlaufpunkt finden.

Der Eindruck des Öffentlichen entsteht zu Recht: mit 40 Mill.DM hat der Steuerzahler den Bau des OWZ nahezu vollständig finanziert.Im Auftrag ihres Mutterunternehmens, der Wirtschaftsförderung Berlin GmbH, investierte die Innovations-Zentrum Berlin Management GmbH das Geld in das Gebäude aus Backstein, Stahl und Glas.Jetzt jedoch soll kein Geld mehr fließen.Ziel ist es, daß das OWZ sich selbst finanziert: aus Mieteinnahmen.52 Prozent der Fläche sind belegt.Prokurist Gerhard Raezt, der sich im unrepräsentativen Erdgeschoß mit Blick auf den Innenhof eingerichtet hat, versprüht trotz dieser nicht gerade berauschenden Quote Optimismus: "Wir sind sehr zufrieden", sagt er."100 Prozent Auslastung ist gar nicht unser Ziel." Bei 75 Prozent könne man die "optimale Flexibilität" bieten, die für diese Mieter nötig seie.Schon jetzt trage sich das OWZ, sagt Raetz.Das Hauptziel, zuschußfreies Wirtschaften, sei also erreicht.

15 DM je Quadratmeter Mietfläche zahlen Deutsche, 13 DM osteuropäische Mieter.Gewinne darf die Innovationszentrum GmbH als öffentlicher Träger nicht machen.Sollten Überschüsse anfallen, müßten sie an die Mieter zurückfließen, berichtet Raetz: als Service, unentgeltliche Beratung oder in Form einer Mietsenkung.Willkommen wäre wohl vor allem die letzte Möglichkeit: denn als billig empfinden die Mieter ihren Mietzins nicht."Man überlebt es, wenn die monatliche Rechnung kommt", sagt beispielsweise Horst Freude, der im OWZ eine Druckerei betreibt, die unter anderem Messestände für die Staaten der GUS anfertigt.

Doch die deutschen Mieter haben die eher kleineren Probleme, weil auch die deutsche Krise kleiner ist, als, zum Beispiel, die russische.Auf zweierlei Weise schlage die Finanzkrise auf die Arbeit durch, sagt die gebürtige Moskauerin Vera Glanze, die zusammen mit ihrem Ehemann die Trading Enginieering Consulting & Business Contact gegründet hat, eine Agentur, die potentielle deutsche und russische Geschäftspartner zusammenbringt: Die Russen bekämen von den Banken kein Geld mehr, könnten also nicht zahlen.Und das schlechte Image, das die vielen Berichte über die Rußlandkrise in Deutschland verbreiten, schrecke Deutsche ab, die eigentlich an Kontakten interessiert seien.Das OWZ, in dem sie seit einem Monat mietet, empfindet Glanze als idealen Standort für ihr Consulting-Büro.Auf den Fluren oder bei den Firmenpräsentationen, die vom OWZ organisiert werden - überall liefen potentielle Kunden herum, die nur zusammengeführt werden müßten.Das OWZ ist also eine Art Schmelztiegel russischer Aktivitäten.Und russischer Probleme.

Nicht alle klagen über die Krise.Eine der Ausnahmen heißt Norbert Langhoff, Geschäftsführer des Instituts für Gerätebau und eine Art Lichtgestalt des OWZ.Langhoff, einst Ordinarius der Akademie der Wissenschaften der DDR, verdient sein Geld, indem er sein altes Fachgebiet, den Bau verschiedener Arten von Röntgengeräten, mit den neuen Verhältnissen in Deutschland und Rußland miteinander vereint.Er beschäftigt russische Wissenschaftler.Diese gingen früher im Auftrag des Kommunismus an geheimen Orten geheimen Dingen auf die Spur."Die gehören zu den besten Wissenschaftlern der Welt", sagt Langhoff.Und sie helfen ihm bei der Entwicklung der komplizierten Geräte, die Langhoff heute unter anderem für die westliche Raumfahrt entwickelt.Seine alten Kontakte zur sowjetischen Wissenschaft nützen ihm heute."Denn", so Langhoff, "an den entscheidenden Stellen sitzen in Rußland noch immer die gleichen Leute".Dies ist für den langjährigen Kenner russisch-sowjetischer Verhältnisse auch der tiefere Grund für die Krise des Landes, die "nicht die letzte ist".Obwohl Langhoff seine Existenz nach dem Zusammenbruch der DDR fast verloren hätte, ist er heute überzeugt, daß der radikale Neuanfang die DDR vor dem russischen Schicksal bewahrt hat.

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