Wirtschaft : Senioren: Mit den Alten ist gut Geld verdienen

Kristina Green

Im August 1997 feierte Refugium ein rauschendes Fest. Mit Champagner und optimistischen Trinksprüchen stießen die Mitarbeiter der Holding aus Königswinter auf das Debüt des Seniorenheim-Betreibers am Neuen Markt an. Das konjunkturfeste Marktsegment überzeugte - die Aktie kletterte binnen Monaten von 25 auf 48 Mark.

Dann folgte der Sturz: Mitte 1999 sackte der Kurs der Refugium-Papiere schlagartig ab. Millionenschulden und der Verdacht auf Bilanzfälschung wurden bekannt und trieben die Anleger in Scharen aus dem Wert. Refugium konnte weder 19 Millionen Mark für ausstehende Pachten, noch die Mitarbeiter-Gehälter überweisen. Als der Immobilieneigentümer Pako im Juni einen Insolvenzantrag stellte, sank die Aktie auf ein Hundertstel ihres einstigen Höchstpreises. Das Papier wechselte zum Monatsanfang zum Geregelten Markt.

Dabei waren die Bedingungen für Refugium alles andere als schlecht. Infolge der demographischen Alterung der deutschen Bevölkerung wächst der Pflege-Markt hierzulande mit satten zwei Prozent im Jahr schon jetzt schneller als das deutsche Sozialprodukt. Nach dem Urteil von Vera Lessat, Analystin bei der DG-Bank in Frankfurt, wird sich dieses Segment "langfristig dynamischer entwickeln als andere private Dienstleistungen." Das Marktvolumen für Pflegeheime wird derzeit auf etwa 27 Milliarden Mark geschätzt - mit Wachstumserwartungen von bis zu drei Prozent für die nächsten Jahre. Nach Berechnung des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung wird sich der Bedarf an Pflegeheimen für alte Menschen in zwanzig Jahren mehr als verdoppeln.

Hier sehen die privaten Pflegebetreiber, die derzeit nur 20 Prozent des gesamten Marktes beherrschen, ihre Einstiegschance. Sie richten sich stärker nach betriebswirtschaftlichen Prinzipien und begegnen dem steigenden Kostendruck flexibler, als es die gemeinnützigen und kommunalen Einrichtungen mit jeweils 65 und 14 Prozent Marktanteil können, urteilt Vera Lessat. So haben die größten privaten Heimbetreiber seit Ende der neunziger Jahre ihr Geschäftsmodell auf Leasing umgestellt, investieren massiv in Organisationssoftware und bilden Einkaufgemeinschaften. Sie sind in der Lage, eine intensivere Betreuung und modernere Einrichtungen zu bieten. Marktbeobachter halten deswegen ein Wachstumspotenzial der privaten Anbieter auf 40 Prozent Marktanteil innerhalb von fünf Jahren für realistisch.

Warum Refugium unter diesen Voraussetzungen scheiterte, erklärt der Vorstandsvorsitzende Klaus Küthe, der vor zwei Jahren die Führung der Holding übernahm, schlicht mit schlechtem Management: "Die Mieten waren um ein Drittel zu hoch angesetzt - und die Geschäftsführung hat es jahrelang versäumt, die Pflegesätze nachzuverhandeln oder in die Gebäude zu investieren", sagt er. Doch auch er scheiterte daran, die Kosten unter Kontrolle zu bringen, die Unternehmensschulden stiegen auf 60 Millionen Mark. Unter Insidern hieß es: "Refugium steckte alles in schnelles Wachstum, die Führungsriege war bis zum Ende sehr naiv. Dabei bewegt sich die Branche seit der Einführung der Pflegeversicherung in einem stark regulierten Umfeld und muss mit engen Margen arbeiten, die Refugium völlig außer Acht gelassen hat."

Die geringe Anzahl der für Altersruhesitze brauchbaren Gebäude auf dem Markt entfachte nun ein zähes Ringen um die Übernahme der Refugium-Heime: Die Gelegenheit, 57 vollbelegte und ausgerüstete Heime auf dem allgemein höchst zersplitterten Pflegemarkt zu übernehmen, lockt die großen Konkurrenten. Neben dem Hauptgesellschafter Pro Seniore AG, der nach Informationen des Tagesspiegels seinen Anteil an Refugium von derzeit 10 auf bis zu 52 Prozent Beteiligung erhöhen möchte, visieren die zur Dussmann-Gruppe gehörende Kursana Seniorenresidenz GmbH sowie die Marseille-Gruppe eine Komplett-Übernahme an.

Fragt sich nur, zu welchem Preis: Der Marktwert der Einrichtungen von Refugium ist umstritten: Während Refugium-Vorstandsvorsitzender Küthe eine Übernahmepauschale von 23 000 Mark pro Bett für "angemessen" hält, ist dieser Betrag nach Schätzung des Insolvenzverwalters Andreas Ringstmeier "völlig unrealistisch und drastisch überhöht": Refugium habe bei Übernahmen in der Vergangenheit selbst zu viel bezahlt.

Die starke Fragmentierung des Markts - die wenigsten Anbieter haben mehr als ein Prozent Marktanteil - sowie die geringe Anzahl rentabler Heime für die Alten beschleunigen allgemein die Konzentration der Unternehmen. Seit Mitte der neunziger Jahre expandieren die privaten Anbieter stetig. Allen voran der rasant gewachsene Marktführer Pro Seniore AG, der bei einem Umsatz von 800 Millionen Mark im Geschäftsjahr 2000 und mit insgesamt 17 000 Betten, die Mehrzahl davon im Pflegebereich, gleichzeitig auf eine Expansion im Ausland setzt. Vorstandsvorsitzender und Hauptaktionär Hartmut Ostermann hat sich als Ziel gesetzt, das Pflegeangebot innerhalb von zehn Jahren zu verdoppeln und in zwei Jahren eine Milliarde Mark Umsatz zu erreichen. Sollte sich das Börsenumfeld verbessern, wäre eine Börsennotierung "durchaus sinnvoll", sagt er.

Der Münchner Betreiber Curanum AG, mit derzeit 4500 Pflege-Plätzen zweitgrößter Anbieter, setzt ebenfalls auf Expansion. "Die Baby-Boomer sind die erste Generation, die sich im Alter etwas leisten kann. In fünf Jahren werden die Rentner etwa doppelt so viel Geld zur Verfügung haben, wie jetzige Jahrgänge", sagt Vorstandsvorsitzender Hans-Milo Halhuber. Ein gewaltiger Markt für Unterbringung und Freizeitgestaltung von Senioren tut sich auf. In den nächsten fünf Jahren sollen allein bei Curanum 26 neue Häuser, überwiegend mit Einzelzimmern ausgestattet, die Marktabdeckung in Bayern, Baden-Württemberg sowie in Norddeutschland erweitern. Halhuber feilt an Zusatzleistungen im Bereich Wellness und Veranstaltungen, die das Heimprofil schärfen - und natürlich die Gewinnmargen erhöhen. In diesem Jahr wird Curanum nach Schätzung des SMax-Analysten Holger Philippsen von Value Research den anvisierten Umsatz von 306 Millionen Mark übertreffen.

Der Konkurrent Marseille-Kliniken AG hat nach einer kräftigen Geschäftserweiterung im Osten Deutschlands seit zwei Jahren sein Augenmerk wieder nach Westen gerichtet. Allerdings will man auch die Expansion in der Berliner Umgebung fortsetzen. Die unterentwickelte Infrastruktur vor Ort garantiert eine starke Nachfrage, während niedrigere Lohntarife sowie Zuschüsse vom Land Brandenburg für Rentabilität sorgen. Hauptaktionär Ulrich Marseille hat das Familienunternehmen weg vom Klinikum-Betrieb auf service-orientierte Seniorenheime umorientiert. Doch der Service ist nicht alles: Ein Joint-Venture mit dem New Yorker Immobilien-Unternehmer Donald Trump und der Bau eines gemeinsamen Luxus-Turms in Stuttgart sollen der Gesellschaft internationalen Glanz verleihen. Expansionsbestreben und Wachstum - Marseille steigerte den Konzernumsatz im vergangenen Jahr um 14 Prozent auf 306 Millionen Mark - überzeugen die Analysten des Investmenthaus Value Research in Frankfurt, die zum "Übergewichten" der Aktie von Marseille raten.

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