Sexismus am Arbeitsplatz : Hier ein Witz, da ein Zwinkern

Die Hälfte aller Beschäftigten hat sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz erlebt - im Büro, bei Betriebsfeiern oder im Lift. Auch wenn Frauen selbstbewusster und Männer sensibler werden, ändert sich nur langsam etwas.

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Bei Betriebsfeiern kommt es immer wieder zu sexueller Belästigung. Foto: iStock
Bei Betriebsfeiern kommt es immer wieder zu sexueller Belästigung. Foto: iStockFoto: Getty Images

Bevor sie morgens zur Arbeit fährt, steckt sich die 30-Jährige einen goldenen Ring an den Finger, um alle glauben zu lassen, sie sei verheiratet. Was sie nicht ist. Sie trägt ihn, um von Führungskräften, die sie ausgerechnet in wertschätzender Kommunikation schult, nicht angemacht zu werden. Aus diesem Grund trägt Julia R. ihre dunkelblonden Haare nie offen, sondern steckt sie hoch, trägt keine Röcke, keine Kleider, nur Hosenanzüge. „Mich macht das jeden Tag wütend, weil ich doch in einem freien Land lebe“, sagt sie, „aber auf die Blicke, die Sprüche habe ich einfach keine Lust.“

Dies ist ein Beispiel von vielen. Dass sexuelle Belästigung in Deutschland nach wie vor zum Alltag vieler Frauen gehört, veranschaulicht gerade die aktuelle Social-Media-Aktion unter dem Hashtag „MeToo“. Wie sehr sie im Arbeitsalltag vorkommt, mit dem Menschen einen großen Teil ihrer Zeit verbringen, wird in einer repräsentativen Umfrage unter Beschäftigten in Deutschland im Auftrag der Antidiskriminierungsstelle des Bundes deutlich: Demnach hat mehr als die Hälfte der Beschäftigten eine „gesetzlich verbotene Belästigung“ am Arbeitsplatz schon einmal beobachtet oder selbst erlebt – im Büro (56 Prozent), bei Betriebsfesten (48 Prozent), auf Fluren oder im Fahrstuhl (35 Prozent). In den allermeisten Fällen habe sich ein Mann falsch verhalten; in jedem dritten Fall war es ein Vorgesetzter.

Spricht man über Sexismus, spricht man schnell über Macht. „Gerade in einem so traditionsreichen Berufsfeld wie der Medizin spielen Hierarchien und Machtverhältnisse eine große Rolle. Geschlechterstereotype halten sich hartnäckig“, sagt Christine Kurmeyer, zentrale Frauen- und Gleichstellungsbeauftragte der Charité. Noch immer ist der Chefarzt meist männlich, die Pflegerin weiblich. „Ein weiteres Problem ist das zugrunde liegende Weltbild bei sexistischen Äußerungen. Das verändert sich zwar, viele jüngere Männer denken moderner als die Älteren, aber eben nicht durchgehend.“ Eine junge Ärztin, die anonym bleiben möchte, erzählt zum Beispiel: Ein Kollege habe ihr neulich zugeflüstert, dass er Lust auf Doktorspiele habe, und sie dabei am Rücken gestreichelt.

Unternehmen nennen es ein "Ausnahmethema"

Unternehmen sind gesetzlich verpflichtet, gegen sexuelle Belästigung vorzugehen. Bei der Umfrage der Antidiskriminierungsstelle gab allerdings fast die Hälfte der Beschäftigten an, dass es in ihrem Betrieb keine ihnen bekannten Maßnahmen gegen sexuelle Belästigung gebe. Nicht einmal ein Drittel nannte eine Ansprechperson, nur neun Prozent eine Betriebs- oder Dienstvereinbarung, fünf Prozent Schulungen.

Um daran etwas zu ändern, hat der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) vor einem Jahr die Broschüre „Sexualisierte Belästigung am Arbeitsplatz verhindern! Ein Handlungsleitfaden für betriebliche Interessenvertretungen“ herausgegeben. Christina Stockfisch war daran maßgeblich beteiligt. „Es gibt einige Unternehmen, die viel machen“, sagt sie, „aber in der Breite ist der Umgang mit sexueller Belästigung am Arbeitsplatz immer noch tabuisiert.“ Viele Betriebs- und Personalräte wüssten nicht, wie sie mit dem Thema umgehen sollen. „Helfen würde oft schon, wenn mehr Frauen darin vertreten wären – die dann auch als Ansprechpartnerinnen zur Verfügung stünden.“ Grob gilt: Je größer ein Betrieb ist, desto eher gibt es Anlaufstellen für Mitarbeiter, von einer Beschwerdestelle über den Betriebsrat bis hin zum Gleichstellungsbeauftragten. Gibt es all das nicht, können sich Betroffene bei Gewerkschaften melden, den Kammern, oder sich sich beim Hilfetelefon „Gewalt gegen Frauen“ beraten lassen.

Fragt man bei Konzernen wie Siemens oder Vattenfall nach, was sie gegen sexistische Belästigung tun, ist von Broschüren die Rede, von Workshops zur Sensibilisierung der Mitarbeiter, Hotlines, Verhaltenskodizes. Man hört: „Das Thema ist ganz ganz wichtig! Da gibt es bei uns null Toleranz! Aber zum Glück kommt das bei uns so gut wie nie vor.“ Das passt nicht wirklich zu dem Ergebnis der Umfrage, wonach jeder Zweite in Deutschland sehr wohl sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz gesehen oder selbst erlebt hat.

Bei der Deutschen Bahn heißt es, das Thema sei ein „Ausnahmethema“. Ombudsfrau Silvia Müller zählt für die vergangenen drei Jahre – in einem Unternehmen mit rund 200 000 Mitarbeitern in Deutschland – nur 15 Fälle von sexueller Belästigung, angefangen von zweideutigen Kommentaren bis hin zu körperlichen Übergriffen und Stalking.

Mögliche Erklärungen dafür: Betroffene sagen oft nichts aus Verunsicherung, weil die Grenze zwischen Kompliment und dreister Anmache fließend sein kann und im Auge des Betrachters liegt. Sie schweigen aus Scham, weil sie schon viel zu oft Reaktionen gehört haben wie „Ach, war doch nicht so gemeint“ oder „Darf man jetzt keine Witze mehr machen?“, oder weil es schwierig ist, einen Vorfall unter vier Augen zu beweisen. Wenn sie sich jemandem anvertrauen, dann zunächst einem Kollegen oder dem Vorgesetzten – solange er nicht selbst das Problem ist. In dem Fall befindet sich die Frau auch noch in einem heiklen Abhängigkeitsverhältnis und muss um ihren Job fürchten.

Das Machtgefälle sei das größte Problem

Wie bei der Charité glaubt man auch bei der Deutschen Bahn, dass sich die Geschlechterrollen langsam ändern. „Ich bin seit 41 Jahren im Unternehmen. Gerade in den letzten Jahren hat sich nach meiner Beobachtung so einiges verändert“, sagt Silvia Müller. „Frauen sind im Arbeitsleben selbstbewusster geworden. Und auch die Einstellung der männlichen Kollegen hat sich gewandelt.“ Sexistische Witze würden in der Regel nicht mehr einfach so hingenommen werden. Sowohl bei Frauen als auch bei Männern habe ein generelles Umdenken stattgefunden.

Dieses Umdenken kann Michaela Rosenberger überhaupt nicht erkennen. Seit der Aufschrei-Debatte vor vier Jahren kann die Chefin der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten nicht feststellen, „dass sich Männer respektvoller gegenüber Frauen verhalten“. Nach wie vor komme es in Hotels, Restaurants, Bars oft zu Anzüglichkeiten und Übergriffen. Rosenberger, die früher im Hotelgewerbe tätig war, hat dies selbst im Roomservice erlebt. Solange Frauen im Berufsleben, zum Beispiel bei der Bezahlung, einen geringeren Stellenwert hätten als Männer, wird es ihrer Meinung nach weiterhin Sexismus-Debatten geben.

Familienministerin Katarina Barley (SPD) glaubt ebenfalls, dass zuerst die Lohnlücke geschlossen und so viele Frauen wie Männer in den Chefetagen sitzen müssten, damit sich etwas ändere. Das Machtgefälle sei das Problem.

Wie sieht es also in einem Unternehmen aus, das von einer Frau geführt wird? Bei den Berliner Verkehrsbetrieben hat Chefin Sigrid Nikutta das Thema mit der damaligen Gesamtfrauenvertreterin Ines Schmidt, wie sie sagt, zum großen Thema gemacht und zuallererst auf einer Führungskräftekonferenz Stellung bezogen. Das sorgte bei den Mitarbeitern anfangs für Verwunderung.

Im Handbuch des DGB wird das Vorgehen des Unternehmens als vorbildlich gepriesen. „Die BVG ist sehr männlich geprägt“, sagt Schmidt. „Da entwickelt sich dann schon so eine eigene Kultur. Hier und da ein Pin-up-Kalender, hin und wieder dumme Sprüche.“ Irgendwann habe sie aber gemerkt, dass die Jüngeren da nicht mitmachen wollten – und damit meint sie nicht nur die Frauen.

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