Shalom Dotcom : Wie die Politik israelische Start-up-Firmen nach Berlin lockt

Sigmar Gabriel und Berliner Universitäten locken israelische Start-ups in die Hauptstadt. Was die Gründerszenen in Berlin und Tel Aviv ausmachen.

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Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel (SPD) begrüßt am 02.02.2016 Organisatoren des Förderprogramms EXIST-Start-up Germany-Israel im Bundeswirtschaftsministerium in Berlin.
Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel (SPD) begrüßt am 02.02.2016 Organisatoren des Förderprogramms EXIST-Start-up...Foto: dpa

Der Bäcker empfiehlt den Sonderrabatt bei der Waschanlage um die Ecke, der Friseur im selben Kiez das Brötchenangebot vom Bäcker. Ein lokales Netzwerk von Geschäften, die sich gegenseitig empfehlen – das ist die Idee von Assaf Neiger aus Tel Aviv. Werbung schalten ist wichtig, dachte er sich, aber teuer. Deswegen geht er zurück zur Mund-zu-Mund-Propaganda und listet Geschäfte, die mitmachen, in einer App.

Seine Start-up-Idee hat Neiger vor zwei Tagen in Berlin vorgestellt. Mit 21 weiteren Teams aus Israel hatte er sich beworben, einen Förderantrag für ein Exist-Gründerstipendium zu stellen. Vertreter der fünf Berliner Hochschulen und der Universität Potsdam wählten am Donnerstagabend fünf Teams dafür aus. Unter ihnen Assaf Neiger. Gefällt sein Antrag, wird er für ein Jahr nach Berlin ziehen und sein Start-up mit einem Budget von 150 000 Euro aufbauen können. Nur, warum hier? Und warum fördern die Berliner Hochschulen gezielt Jungunternehmer aus Israel?

Tel Aviv: Jung und dynamisch

In dem kleinen Land zwischen Mittelmeer und Jordan gibt es rund 5000 Start-ups. Die Szene ist jung, dynamisch, international. Unter Gründern gilt Tel Aviv nach dem Silicon Valley als zweitbester Ort der Welt. „Wir können viel von Israel lernen“, sagte Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel bei der Begrüßung der Gäste am Dienstag. Sein Ministerium fördert das Projekt. „Im Gegenzug bekommen wir Erfahrungen.“

Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel (SPD) spricht am 02.02.2016 bei einem Treffen mit Mitarbeitern von Startups des Förderprogramms EXIST-Start-up Germany-Israel im Bundeswirtschaftsministerium in Berlin.
Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel (SPD) spricht am 02.02.2016 bei einem Treffen mit Mitarbeitern von Startups des...Foto: dpa

Gregor Schlosser von der Deutsch-Israelischen Industrie- und Handelskammer kennt sich gut aus mit der Szene in Israel und speziell in Tel Aviv. Das Land habe nicht viele Ressourcen und keine alteingesessene Industrie. „Deswegen setzt es auf Brain-Power.“ Es gebe viel Wagniskapital, aus Israel selbst und aus den USA. Dazu kommt: Während das Leben teurer und die Mieten recht hoch seien, arbeite ein israelischer Angestellter mehr, verdiene aber weniger als in Deutschland. Ein Job als Programmierer werde hingegen gut bezahlt. Deswegen wagen junge Menschen schneller den Schritt in die Selbstständigkeit.

Manche von ihnen kommen als Mathematiker oder Programmierer von den Universitäten. Andere haben ihr Können vom Militärdienst, der in Israel für jede Frau und jeden Mann Pflicht ist. In einer Spezialeinheit geht es zum Beispiel nicht um den Dienst an der Waffe. Es geht um Cybersicherheit und digitale Spionage. Die Ausbildung sei so gut, sagt Schlosser, dass danach kein Studium mehr nötig sei. Traditionell sind israelische Gründer vor allem fit im Adtech-Bereich, also der optimalen Platzierung von Online-Werbung. Auch Medizin-, Bio- und Fin-Tech spielen eine große Rolle.

Wie israelische Gründer ticken

Grundsätzlich seien Israelis risikofreudiger als Deutsche, sagt Schlosser. „Sie haben nicht so eine große Angst vor dem Scheitern.“ Weder in der Familie, noch bei Banken, würden sie deswegen an Ansehen verlieren. Im Gegenteil. Ein Unternehmer mit einer missglückten Idee bekomme eher einen Kredit als ein Neugründer. Scheitern werde als Erfahrung betrachtet. Diese Einstellung, sagt Schlosser, sei historisch bedingt. Durch die Kriege und den permanenten Krisenzustand würden die Menschen mehr im Hier und Jetzt leben. Und würden sich mehr trauen.

„In Israel gibt es ein enormes Potential“, sagt Alexander Piutti. Er ist Gründer und kennt die Szenen in Berlin und Tel Aviv. „Die Brücke dorthin bietet sich allein wegen der geografischen Nähe an. Man ist ja in drei, vier Stunden da.“ Speziell Tel Aviv ist eine sehr junge und kreative Stadt. Die Gründer treffen sich dort in Cafés, tauschen ihre Ideen aus. Egal wie abwegig sie sind. Am Rothschild-Boulevard haben Investoren ihre Büros neben Coworking-Plätzen, die zum Teil staatlich finanziert werden. Freies W-Lan ist eine Selbstverständlichkeit. „In Tel Aviv läuft man sich in der Szene ständig über den Weg“, erzählt Schlosser. Sie ist überschaubarer. Gute Namen flüstere man sich persönlich zu.

Eine Hype um die Hauptstadt

Trotzdem sind die jungen Menschen in Tel Aviv verrückt nach Berlin. Es gebe dort einen regelrechten Hype um die Hauptstadt, erzählen zwei israelische Gründer am Donnerstagabend im St. Oberholz. Berlin gilt als lebendig und international. Dort könnten sich junge Menschen ausleben. Viele Freiheiten genießen. „In Berlin sind die Lebenshaltungskosten außerdem niedriger als in Tel Aviv“, sagt Piutti. „Und das Vakuum an größeren Firmen bietet gerade der digitalen Branche eine Spielwiese.“ In der Exist-Broschüre werden außerdem das impulsive Nachtleben, die Kunst- und Musikszene erwähnt.

Israel ist innovativ, aber klein. Der deutsche und europäische Markt bieten Gründern mehr Möglichkeiten. Weil viele Israelis wegen ihrer Familiengeschichte einen zweiten Pass haben, können sie in Europa auch recht leicht eine Weile leben und arbeiten. In Berlin gebe es bereits eine Community, heißt es am Donnerstag.

Und auch die Ideen der Gründer sind hier wie dort ähnlich. Eines der vier ausgewählten israelischen Gründerteams will eine Plattform aufbauen, die Lkw-Touren effizienter machen soll. Lastwagen würden in Echtzeit miteinander vernetzt und ihre Wege koordiniert werden. So seien die Wagen besser ausgelastet, die Straßen leerer und der CO2-Ausstoß würde sinken. Ein anderes Projekt ist eine Virtual-Reality-Brille für Schlaganfall-Patienten, die ihre Rehabilitation erleichtern soll. Um die Feinmotorik zu schulen, könnten sie im Krankenbett sitzen und so tun, als würden sie in einem Restaurant ein Steak schneiden.

Ein drittes Projekt, wieder eine Plattform, ist für Unternehmen gedacht, die elektronische Bauteile suchen und dort besser finden sollen. Das vierte Start-up möchte individuelle Roboter aus einfachen Modulen bauen. Mit an diesem Projekt hat Shmuel Markiewitz gearbeitet. „Ich hoffe, wir können ein Jahr in Berlin arbeiten“, sagt er. „Die Infrastruktur hier ist gut und es sind junge Unternehmer aus aller Welt hier.“

Wachstumsphase ist "typisch deutsch"

Ausgewählt wurden die Bewerber nach dem Innovationsgrad ihrer Idee, dem Stand der Entwicklung und den Kompetenzen der Teammitglieder. Es ist das erste Mal, dass sich internationale Gründer bewerben können. Bislang galt das Programm nur national. Die Bedingungen für Start-up-Gründer seien in Deutschland in den letzten Jahren immer besser geworden, meinte Sigmar Gabriel am Dienstag. „Gerade in der Wachstumsphase ist es aber noch typisch deutsch“, meinte er. Zu viel Zögern, zu viele Regulierungen.

Er freue sich über die Vernetzung israelischer und deutscher Gründer. Zum einen, weil sie sich inspirieren könnten. Zum anderen, weil eine Brücke zwischen den beiden Ländern nach wie vor etwas Besonderes sei. „Für die Generation unserer Eltern oder Großeltern wäre das vielleicht noch undenkbar gewesen.“

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