Wirtschaft : Showdown auf Wiedervorlage

Der Verkauf von Kirchs Filmbibliothek und ProSiebenSat1 an den Bauer-Verlag zieht sich hin – Fred Kogel verlässt Kirch-Media

Henrik Mortsiefer

Ein Jahr Insolvenz-Verwaltung brennen selbst an Dauerstress gewöhnte Manager aus. Mit diesem Argument begründete Fred Kogel am Sonnabend seinen Ausstieg bei Kirch-Media. Der 41-Jährige hat 13 Jahre lang für Kirch gearbeitet. Als Geschäftsführer von Sat1 war er Ende der 90er neben dem damaligen Pro-Sieben-Chef Georg Kofler eine von Kirchs Lichtgestalten. Kofler ist jetzt Chef von Premiere, und es scheint, als gelänge es durch ihn, das aussichtslose Pay- TV-Unternehmen zu sanieren. Kogel handelte zuletzt mit den Hollywood-Filmstudios und anderen Lizenzpartnern als Programm- Geschäftsführer der Kirch-Media neue Verträge aus. Ob sein Knowhow als Berater bei der Senderfamilie weiterhin gewünscht ist, entscheiden die neuen Eigentümer. Doch noch immer ist denkbar, dass die Verlagsgruppe Bauer im letzten Moment absagt.

Die Geschichte des Kirch-Konzerns – sie endet mit geplatzten Terminen: Die Eröffnung des Insolvenzverfahrens, die Entscheidungen der Gerichte, der Einstieg neuer Eigentümer – immer wieder wurden Fristen verlängert und Entscheidungen verschoben. Doch nachdem die Sportrechte an Günter Netzer und Ex-Adidas-Chef Robert Louis-Dreyfus verkauft wurden, und auch das Abofernsehen Premiere bald einen neuen Eigentümer bekommt, tickt nun die Uhr für das große Finale. In zwei Wochen, am 15. Dezember, soll Kirchs Kerngeschäft, das die Filmbibliothek, den Rechtehandel und Pro Sieben Sat1 umfasst, für zwei Milliarden Euro an die Verlagsgruppe Bauer und die Hypo-Vereinsbank verkauft werden. Die Verhandlungen gehen in die heiße Phase. „Wir sind auf gutem Wege“, sagt Bauer-Sprecher Andreas Fritzenkötter. Ob sich das Konsortium aber in der vereinbarten Frist mit den Kirch-Leuten auf einen Vertrag einigen kann – nun ja. „Es kann auch der 16. oder der 17. oder der 18. Dezember werden“, sagt Fritzenkötter. Andere Verhandlungsteilnehmer glauben, es könne Weihnachten werden oder 2003. „Ich bin bei Kirch sehr vorsichtig geworden“, sagt ein Banker. „Es hat schon zu viele Termine gegeben.“

Die Zahl der offenen Fragen spricht für eine erneute Fristverlängerung. So sind die Gespräche mit dem Hollywood-Studio Columbia Tristar (Sony) über eine Beteiligung am milliardenschweren Kirch-Eigentümer-Konsortium noch immer nicht abgeschlossen. „Das muss auch nicht zwingend vor der Vertragsunterzeichnung mit Kirch sein“, sagt Fritzenkötter. Aber geplant war es schon. Denn der Hamburger Zeitschriftenverleger wollte Columbia ursprünglich schon Mitte November ins Boot holen. Als strittig galt bis zuletzt, wie viel Geld das Filmstudio für seinen Anteil – die Rede ist von zehn bis 20 Prozent an der neuen Holding – mitbringen muss.

Aus Finanzkreisen war vor dem Wochenende außerdem zu hören, auch die Commerzbank, Hausbank des Heinrich Bauer Verlags, sei als Investor für die Holding wieder im Gespräch. „Wir beabsichtigen derzeit nicht, uns an der Holding zu beteiligen“, wiegelt ein Sprecher zwar ab, fügt aber hinzu: „Das kann sich aber schnell wieder ändern.“ So war es immer, wenn es um mögliche neue Eigentümer für Kirch ging. „Da ist schon jeder mit jedem – geschäftlich betrachtet – ins Bett gegangen“, sagt ein Beobachter.

Einstweilen bleibt es also bei dem Plan, wonach der neue Fernsehkonzern von einer Holding geführt wird, an der Bauer 90 Prozent und die Hypo-Vereinsbank zehn Prozent halten. Die GmbH soll als Dachgesellschaft für zwei Sparten dienen: Zum einen das TV-Geschäft, zum anderen die Filmbibliothek. Bei ProSiebenSat1 wird Bauer, sollte es zum Vertrag mit Kirch-Media kommen, zunächst 52,5 Prozent der Anteile übernehmen und damit Herr des TV-Konzerns sein. 11,5 Prozent hält aber noch der Axel Springer Verlag. Und der hat sein Interesse an einem größeren Stück vom Fernsehkuchen bekundet. Die Chancen für Springer sind gestiegen. Denn der Verlag versucht gerade, einen alten Streit mit Kirch beizulegen.

Springer hatte im Januar eine Option zum Verkauf seines Pro-Sieben-Anteils von 11,5 Prozent an die Kirch-Gruppe ausgeübt, was Kirch zur Zahlung von 767 Millionen Euro verpflichtete und ihn in die Insolvenz trieb. Nun haben Springer und Kirch-Media bis zum 17. Dezember Zeit, sich zu verständigen. Am Ende könnte Springer mit 30 bis 65 Millionen Euro einen Bruchteil der geforderten Summe erhalten, um damit die Aufstockung seiner Anteile an den TV-Sendern auf 28 Prozent teilweise zu finanzieren.

Springer hätte dann ein gewichtiges Wort bei der Programmgestaltung und Aufstellung der Bauer-Sender mitzureden. „Wir sehen dieses Szenario ausgesprochen positiv“, sagt Bauer-Sprecher Fritzenkötter, der wohl auch die medienpolitische Dimension eines größeren Springer-Engagements im TV-Geschäft im Blick hat. Das Kalkül: Bauer kommt mit einem starken Partner den Medienwächtern entgegen, die den Kauf von Kirch durch Bauer unter dem Gesichtspunkt der Meinungskonzentration prüfen müssen.

Doch das Wohlwollen der Landesmedienanstalten hält sich in Grenzen. „Springer hat großen publizistischen Einfluss und bringt eine erhebliche zusätzliche Printmacht mit ins Fernsehen“, sagt Hans Hege, Direktor der Landesmedienanstalt Berlin-Brandenburg. Bauer wäre als größter Programmzeitschriftenverleger zwar nicht mehr Alleinherrscher. Doch Springers Einfluss auf das elektronische Mediengeschäft könnte neue medienpolitische Fragen aufwerfen. Das letzte Wort wird die KEK, die Kommission zur Ermittlung der Konzentration im Medienbereich, haben. Sobald ein Vertrag zwischen Kirch und Bauer zu Stande kommt, geht sie in Klausur. Mit einer baldigen Entscheidung ist allerdings nicht zu rechnen, muss doch erstmals die Verflechtung von Print- und TV-Märkten in dieser Größenordnung geprüft werden. „Es wäre verhängnisvoll, wenn am Ende die KEK für eine Hängepartie bei Kirch sorgen würde“, warnt Wolf-Dieter Ring, Chef der Bayerischen Landeszentrale für neue Medien.

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