Wirtschaft : Siemens-Chef streicht 2300 Stellen in der Handy-Sparte

Eine Woche nach dem Führungswechsel im Geschäftsbereich Mobilfunk greift Pierer durch: Jeder zehnte Arbeitsplatz fällt weg

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München (cbu/jojo/HB/nad). Angesichts der anhaltenden Flaute in der TelekommunikationsBranche streicht Siemens in seiner Mobilfunksparte ICM noch einmal 2300 Arbeitsplätze, 500 davon in Deutschland. Wie ICM am Mittwoch überraschend mitteilte, soll der Personalabbau bis zum Ende des nächsten Geschäftsjahres im September 2004 greifen. Insgesamt will der größte deutsche Elektronikkonzern auf diese Weise eine Milliarde Euro Kosten einsparen.

„Der Konzern bemüht sich um sozialverträgliche Lösungen. Betriebsbedingte Kündigungen können jedoch nicht ausgeschlossen werden“, sagte ein ICM-Sprecher. Vom Stellenabbau betroffen sind in Deutschland vor allem die Standorte München und Berlin, wo ICM die meisten Mitarbeiter beschäftigt. Um wie viele Stellen es sich dort handelt, könne man aber noch nicht sagen. Bereits im letzten und im laufenden Geschäftsjahr hatte Siemens in der Sparte ICM 4000 Stellen gestrichen und Kostensparprogramme in Höhe von je einer Milliarde Euro aufgelegt. Erst in der vergangenen Woche hatte Konzernchef Heinrich von Pierer angekündigt, ab Oktober im Zentralvorstand persönlich die Verantwortung für den wichtigsten Siemens-Bereich Information und Kommunikation zu übernehmen. Der bisher für ICM zuständige Konzernvorstand Volker Jung, der altersbedingt ausscheidet, galt intern als zögerlich. Jetzt greift von Pierer durch.

Hintergrund des radikalen Sparkurses sind nach Angaben von Siemens Preisverfall, Überkapazitäten und Investitionszurückhaltung auf Seiten der Mobilfunkbetreiber. Das Geschäft stehe unter hohem Margendruck. ICM-Chef Rudi Lamprecht zufolge ist der Weltmarkt für Mobilfunknetze 2002 um 15 Prozent gesunken; im laufenden Jahr schrumpfe er um bis zu 20 Prozent. Zudem stagniere der Umsatz trotz steigender Handy-Stückzahlen.

ICM ist eines der größten Sorgenkinder des Konzerns: Im abgelaufenen Quartal erzielte der Bereich nur mit Hilfe von Sondereinflüssen einen Gewinn von 17 Millionen Euro. Ohne die Auflösung von Rückstellungen hätte ICM einen Verlust in zweistelliger Millionenhöhe ausweisen müssen. Der Umsatz der Sparte brach um 14 Prozent auf 2,16 Milliarden Euro ein. Nach den Vorgaben von Konzernchef von Pierer soll ICM bis September 2004 eine Rendite von acht bis elf Prozent erreichen. „Es ist ausgeschlossen, dass ICM diese Marge auch nur annähernd erreichen kann“, sagte Fondsmanager Christoph Niesel von Union Investment dem Tagesspiegel. Er rechnet damit, dass ICM 2004 höchstens auf ein Ergebnis von 250 Millionen Euro vor Zinsen und Steuern kommt, was einer Marge von 2,5 Prozent entspräche.

Niesel hält insbesondere den Handybereich für problematisch, der im Gegensatz zum Geschäft mit Mobilfunk-Netzen rote Zahlen schreibt. „Es ist fraglich, ob Siemens mit diesem Bereich je Geld verdienen wird“, sagte er. Während Marktführer Nokia 38 Prozent Weltmarktanteil hat und auch Motorola und Samsung auf zweistellige Anteile kommen, liegt Siemens nur bei 8,5 Prozent. Bei Netzwerken liegt Siemens auf Rang Drei hinter Ericsson und Nokia. Über den Verkauf der Handy-Sparte oder eine Kooperation wird in der Branche spekuliert. Als möglicher Käufer ist Motorola im Gespräch.

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