Siemens : Ein Milliarden-Vergleich

Das Unternehmen Siemens legt Geld für Strafen in der Korruptionsaffäre zurück. Experten gehen von geringeren Strafen aus, als zuvor in Branchenkreisen befürchtet.

Corinna Visser
Peter Löscher
Finanzvorstand Joe Kaeser (l.) und Siemens-Chef Peter Löscher wollen möglichst ohne Altlasten in das neue Geschäftsjahr starten. -Foto: Getty

BerlinDer Korruptionsskandal wird für Siemens bei weitem nicht so teuer wie befürchtet. Rund eine Milliarde Euro stellt der Münchner Technologiekonzern im Jahresabschluss 2008 für die angestrebten Vergleiche mit den deutschen und amerikanischen Behörden zurück. "Der Betrag basiert auf der Einschätzung des Stands der Gespräche mit den Behörden in Deutschland und in den USA durch das Unternehmen“, teilte Siemens am Mittwoch mit. Wann die Verhandlungen mit den Behörden abgeschlossen sein werden, dazu sagte Siemens nichts. Aber offenbar hat das Unternehmen jetzt eine sehr genaue Vorstellung, welche Zahlungen auf Siemens zukommen, sagen Analysten.

Der Siemens-Aktie half die Nachricht am Mittwoch nicht. Zwar legte die Aktie nach der Mitteilung zunächst zu, ging dann aber weiter auf Talfahrt. Bei Handelsschluss notierte sie knapp drei Prozent im Minus bei 48,92 Euro.

Siemens steht seit vielen Monaten in intensiven Verhandlungen mit der mächtigen US-Börsenaufsicht Sec. Außerdem ermittelt die Münchner Staatsanwaltschaft in fast allen Bereichen des Unternehmens. In dem Korruptionsskandal geht es um 1,3 Milliarden Euro an dubiosen Zahlungen, die zur Erlangung von Aufträgen im Ausland eingesetzt worden sein sollen. Die Aufarbeitung des Skandals hat Siemens angesichts von Strafen, Beraterkosten und Gewinnabschöpfung bisher rund 1,4 Milliarden Euro gekostet, weitere 500 Millionen Euro wurden durch Steuernachzahlungen fällig.

"Das hat Siemens sehr geschickt gemacht“

Analysten hatten jedoch meist mit deutlich höheren Geldbußen von mehreren Milliarden Euro gerechnet. "Ich hatte allein aus den USA eine Strafe von bis zu 1,5 Milliarden Dollar erwartet“, sagte Theo Kitz vom Bankhaus Merck Finck. "Offenbar honoriert die Sec, was Siemens alles unternommen hat, damit so etwas nicht wieder vorkommt.“ Siemens hat seit dem Beginn des Skandals im Herbst 2006 nicht nur die komplette Führung ausgetauscht, sondern hat auch Schadenersatz von elf ehemaligen Mitgliedern des früheren Zentralvorstands gefordert. Das sei ein wichtiges Signal an die Sec gewesen, sagte Kitz. "Das hat Siemens sehr geschickt gemacht.“ Noch nicht geklärt sei allerdings, ob Siemens neben den finanziellen Strafen noch andere Auflagen drohen, etwa der Ausschluss von öffentlichen Aufträgen in den USA.

Verlust von 2,4 Milliarden Euro erwartet

In der kommenden Woche legt Siemens seine Bilanz für das Geschäftsjahr 2008 vor. In diese Bilanz packt der Konzern nicht nur die Rückstellungen für die drohenden Strafen in der Korruptionsaffäre, sondern auch die Kosten für den Stellenabbau in Verwaltung und Vertrieb, die Kosten für Restrukturierungen in der Verkehrstechnik und in der Gesundheitssparte sowie für die Trennung von den Telefonsparten Sen und SHC. Außerdem fallen einmalig 400 Millionen Euro für die Gründung der Siemens-Stiftung an. Zusammen sind das noch einmal drei Milliarden Euro, die das Ergebnis belasten werden. Doch nicht ohne Grund packt Finanzchef Joe Kaeser all diese Lasten in das am 30. September beendete Geschäftsjahr. Er kann sie mit dem Erlös von elf Milliarden Euro aus dem Verkauf des Autozulieferers VDO verrechnen – und so die Steuerlast drücken.

Analystenschätzungen zufolge wird Siemens im Schlussquartal einen Verlust von etwa 2,4 Milliarden Euro wegstecken müssen. Im gesamten Geschäftsjahr blieben damit immer noch geschätzte 6,3 Milliarden Euro Gewinn.

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