Siemens in Berlin : Bis die Schaufeln glühen

Berlin ist der weltweit größte Fertigungsort von Siemens - 12.700 Menschen arbeiten hier für den Konzern. Im Gasturbinenwerk in Moabit werden Turbinen für Kunden aus 25 Ländern produziert. Teil 3 der Tagesspiegel-Serie Berlindustrie 2011.

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Berlin ist nicht unbedingt berühmt für seinen industriellen Sektor. Doch beispielsweise der weltweit größte Fertigungsort von Siemens ist in der Hauptstadt beheimatet. 12.700 Menschen arbeiten hier für den Konzern. Im Gasturbinenwerk in Moabit werden Turbinen für Kunden aus 25 Ländern produziert.
Berlin ist nicht unbedingt berühmt für seinen industriellen Sektor. Doch beispielsweise der weltweit größte Fertigungsort von...

Seit die Wirtschaftskrise überwunden ist, laufen die Geschäfte wieder gut. „2011 und 2012 fahren wir mit Volllast an der Kapazitätsgrenze“, sagt Andreas Fischer-Ludwig, Standortleiter des Gasturbinenwerks in Berlin-Moabit. Aus 25 Ländern von Finnland über Südkorea bis Venezuela kommen die Kunden, die im laufenden Jahr in der Huttenstraße Gasturbinen für ihre Kraftwerke kaufen. Siemens baut hier unter anderem die größte und leistungsstärkste Gasturbine der Welt, die SGT5-8000H. Eine von ihnen liefert genug Energie, um eine Stadt wie Hamburg mit Strom zu versorgen.
90 Prozent der Gasturbinen aus der Huttenstraße gehen in den Export. So ist das auch mit allem anderen, was Siemens in Berlin – dem weltweit größten Fertigungsstandort des Unternehmens – produziert. 12.700 Menschen arbeiten hier für den Technologiekonzern, der damit Berlins größter industrieller Arbeitgeber ist. Gebaut werden neben Gasturbinen auch Antriebe für Industrie und Schiffbau, Hochspannungsschaltanlagen, Eisenbahnsignalanlagen oder Autoscheinwerfer. 310 Millionen Euro investierte der Konzern im vergangenen Geschäftsjahr in Berlin.
Der Standort in der Huttenstraße beschäftigt rund 3000 Mitarbeiter, etwa zwei Drittel in der Produktion im Werk selbst, ein Drittel im Service. In den vergangenen drei Jahren wurden rund um das Gasturbinenwerk 100 Millionen Euro investiert – unter anderem in die Schaufelfertigung und den Umbau des Prüffelds.
In der knapp 20 Meter hohen Endmontagehalle wird gerade eine Gasturbine für Florida zusammengebaut. Von dort kam im vergangenen Sommer der erste kommerzielle Auftrag für sechs SGT5-8000H die ab 2013 in einem Gas- und Dampfkraftwerk zum Einsatz kommen sollen. Solche Kraftwerke, in denen Gas- mit Dampfturbinen gekoppelt werden, haben einen besonders hohen Wirkungsgrad. Im Vergleich zu derzeit gängigen Turbinen, so rechnet Siemens vor, emittieren sie rund 40.000 Tonnen weniger CO2 im Jahr. Siemens zählt die Gasturbinen daher zu seinem Umweltportfolio, in dem der Konzern erhebliche Wachstumschancen sieht. Mehr als 40 Milliarden Euro will das Unternehmen im Jahr 2014 mit grünen Technologien umsetzen. Gasturbinen haben den Vorteil, dass sie sich schnell hochfahren lassen – etwa genau dann, wenn Strom aus Wind- oder Sonnenenergie fehlt. „Erneuerbare Energien sind ohne unsere Technologie nur schwer vorstellbar“, sagt Fischer-Ludwig. „Und wir arbeiten jeden Tag daran, noch umweltschonender zu werden.“
Zwar liefert Siemens seine Gasturbinen in die ganze Welt, dennoch steht in der Region Berlin-Brandenburg nicht ein Gas- und Dampfkraftwerk. Obwohl Berlin ein Turbo-Maschinen-Cluster sein will, hat die Region also kein Referenz- Kraftwerk vorzuweisen. Siemens hofft jedoch, dass sich das bald ändert, wenn das Unternehmen den Zuschlag für ein neues Gas- und Dampfkraftwerk in der Brandenburger Gemeinde Wustermark bekommt. Insgesamt, meint Fischer-Ludwig, hätten sich die Rahmenbedingungen für seinen Betrieb, der ständig an Prozessverbesserungen arbeite, in Berlin verbessert. „Die Forschungs- und Universitätseinrichtungen bieten ideale Voraussetzungen für eine gute Zusammenarbeit.“

Die Montagehalle, deren älteste Bauteile noch aus dem Jahr 1909 stammen, ist mehr als 200 Meter lang. Hier ist es warm, es brummt, und die Turbinenschaufeln klappern. Wenn sie sich erst einmal drehen, dann klappert nichts mehr. Gut 100 Tonnen wiegt ein Läufer, das rotierende Herz der Turbine. Und wenn er sich dreht, dann erreichen die Spitzen der Schaufeln Schallgeschwindigkeit. „Haben Sie schon einmal gesehen, wie die Schaufeln in einer Flugzeugturbine anfangen rot zu glühen?“, fragt er. „Unsere Maschinen befinden sich immer im Steigflug.“ Im Inneren der Turbine herrschen teilweise höhere Temperaturen als an der Außenhaut eines Space Shuttles. Fehlerfreies Material ist für diese hohe Beanspruchung ebenso wichtig wie Präzision. „Je kleiner der Spalt zwischen Turbine und Gehäuse“, erklärt Fischer-Ludwig , „desto effizienter ist die Gasturbine.“ Am Ende darf der Spalt nur wenige Millimeter betragen. „Die Kunden kommen extra her, um nachzumessen“, sagt Fischer-Ludwig.
Präzise müssen auch die Kollegen im Dynamowerk in Siemensstadt arbeiten. Und extrem flexibel. Hier fertigt Siemens Großantriebe für Industrie und Schiffbau. Im Prinzip ist jede dieser Maschinen mit einer Leistung von drei bis zu 100 Megawatt eine Einzelanfertigung. „Jeder Motor hat einen Namen“, sagt Bereichsleiter Michael Kläring. Hier werden Ringmotoren für Bergbauunternehmen mit einem Durchmesser von 20 Metern gebaut, Prototypen für getriebelose Windkraftgeneratoren entwickelt und Motoren und Generatoren für Kreuzfahrtschiffe produziert. „Das Know-How steckt in den Köpfen unserer Mitarbeiter“, sagt Kläring. „Es steckt unheimlich viel Erfahrung in dem Geschäft.“ Darum ist es für das Werk so wichtig, dass das Unternehmen auch in der Wirtschaftskrise, als der Umsatz um 30 Prozent einbrach, seine Belegschaft von rund 650 Mitarbeitern halten konnte.
Das 1906 gegründete Dynamowerk hat eine bewegte Geschichte hinter sich. 1998 arbeiteten noch 1200 Menschen hier, 2003 waren es nur noch 400. Um das Werk zu retten, schwenkte das Management um, verbesserte die Prozesse und die Kontakte zu den Kunden. Da ging es wieder aufwärts. Mehr als 200 Maschinen verlassen das Werk jedes Jahr. Kläring glaubt fest an eine Zukunft in Berlin. „So einen großen Standort versetzt man nicht so einfach, Und es ist leichter in Berlin die Ingenieure zu gewinnen, die wir brauchen, als anderswo.“

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