Wirtschaft : „Siemens ist nicht in Not“

Berthold Huber über längere Arbeitszeit

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Herr Huber, die IG Metall hat nach Angaben der Arbeitgeber in den letzten Monaten in Bayern in 18 Fällen Abweichungen vom Tarifvertrag zugestimmt. Und zwar geräuschlos. Warum gibt es jetzt bei Siemens so ein Ballyhoo?

Die Zahlen der Arbeitgeber kann ich nicht bestätigen. Normalerweise ist die Tarifauseinandersetzung mit dem Tarifabschluss beendet. Doch in diesem Jahr ist das anders, Siemens hat ein Nachhutgefecht angezettelt, die flächendeckende 40Stunden-Woche gefordert und gleichzeitig mit Verlagerung von Produktion gedroht. Dagegen wehren wir uns und das hat ja bereits Wirkung gezeigt. Inzwischen hat Siemens die ursprüngliche Ansage korrigiert, eine generelle 40-Stunden-Woche steht offenbar nicht mehr zur Debatte.

Warum sollten die Beschäftigten nicht hier und da etwas länger arbeiten, wenn dadurch Arbeitsplätze abgesichert werden?

Darum geht es doch gar nicht in diesem Konflikt. Siemens geht es doch um etwas ganz anderes. Der Konzern will die Leute ohne Not länger arbeiten lassen, ohne dafür zu bezahlen. Die IG Metall hat sich und wird sich nie verweigern, wenn es gute Gründe dafür gibt, auch längeren Arbeitszeiten zuzustimmen. Da prüfen wir jeden Fall konkret. Im Tarifvertrag haben wir die entsprechenden Voraussetzungen dafür festgeschrieben.

Siemens-Chef Heinrich von Pierer wird wegen seines Vorstoßes bei der Arbeitszeit ausdrücklich von Gesamtmetallpräsident Martin Kannegiesser gelobt: Von Pierer sei ein anständiger Mann, der für jeden Arbeitsplatz hier zu Lande kämpfe.

Anständig bin ich auch und Herr Kannegiesser auch. Es kommt aber darauf an, ob man den richtigen Weg findet. Mit der Ankündigung, langfristig 75 000 Arbeitsplätze zu verlagern, wenn die Arbeitnehmer nicht nachgeben, kommt man nicht weiter. Aber inzwischen gibt es ja Hinweise, dass Siemens zur Sachlichkeit zurückfindet.

Wie geht es also weiter?

Es wird derzeit geklärt, wer sich wann und wo mit wem zum Gespräch trifft. Parallel dazu arbeitet die Beratungsfirma Ernst & Young im Auftrag des Betriebsrats an einem Gutachten über die Standortbedingungen der Handy-Fertigung in Kamp Lintfort und Bocholt.

Sie beklagen, dass in Bayern rund 130 Anträge von Unternehmen zur Verlängerung der Arbeitszeit vorliegen. Geht es den dortigen Firmen besonders schlecht?

Nein. Das sieht vielmehr nach einer konzertierten Aktion aus. Ministerpräsident Stoiber will im öffentlichen Dienst die Arbeitszeit auf 42 Stunden erhöhen und die Industrie zieht mit der Forderung hinterher. In Bayern gibt es rund zehnmal so viele Anträge auf längere Arbeitszeit wie im gesamten übrigen Bundesgebiet.

Beim Arbeitgeberdachverband Gesamtmetall heißt es, die IG Metall sei „ängstlich“, was die Umsetzung des neuen Tarifvertrags anbelangt.

Es gibt ganz unterschiedliche Umgangsweisen mit den Begehren einzelner Unternehmen, die Arbeitszeit zu verlängern. Wir gehen verantwortlich mit solchen Dingen um. Es gibt Fälle, da kann man die Arbeitszeit verlängern und womöglich Kosten senken und am Ende bringt es dem Unternehmen trotzdem nichts. Weil das Problem ganz woanders gesteckt hat.

Aber ist das die Regel?

Es gibt hier keine Regel. Wir müssen uns jeden Antrag eines Unternehmens angucken. Auch um solche Fälle zu vermeiden, wo in einem Unternehmen die Arbeitszeit ohne Bezahlung verlängert werden soll und gleichzeitig die Ausschüttung an die Aktionäre erhöht wurde.

Das Gespräch führte Alfons Frese.

Berthold Hube r (54) ist zweiter Vorsitzender der IG Metall. Er ist zuständig für die Tarifpolitik der Gewerkschaft. Huber ist derzeit damit beschäftigt, längere Arbeitszeiten zu verhindern.

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