Wirtschaft : „Siemens lässt sich von den Märkten treiben“

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Herr Nassauer, wie ist die Stimmung in der Belegschaft?

In der Kommunikationssparte Com, die jetzt ausgegliedert wird, ist die Stimmung natürlich gedrückt. Niemand hätte damit gerechnet, dass Siemens sich von diesem Geschäft trennt. Wobei die Betroffenheit unterschiedlich ist. Das Joint Venture mit Nokia bietet durchaus Chancen. Die Stimmung bei den Mitarbeitern, die private Telefonanlagen produzieren, ist wegen der fehlenden Perspektiven schlechter. Das färbt auch auf andere Bereiche ab. Wenn man sich von einem so wichtigen Bereich trennt, dann kommen natürlich Befürchtungen auf, was passiert, wenn das Geschäft einmal schlechter läuft. Es gibt schon Unsicherheit.

Ist die Furcht begründet?

Der Druck, den die Finanzmärkte auf ein Unternehmen wie Siemens ausüben, wird immer größer. Die Investoren achten immer stärker darauf, dass vorgegebene Margenziele eingehalten werden und dass diese im internationalen Wettbewerb mithalten können. Sonst drohen sie mit Liebesentzug, sprich: Sie lassen die Aktie fallen.

Lässt sich Siemens-Chef Klaus Kleinfeld zu sehr von den Märkten treiben?

Den Eindruck kann man gewinnen. Es war ein Fehler, sich von der Kommunikationssparte zu trennen.Wenn die Märkte sehen, dass sie mit der Strategie Erfolg haben, werden sie Siemens weiter treiben.

Kommunikation gehört aber nicht in die Kategorie Megatrends, auf die Klaus Kleinfeld den Konzern ausrichten will.

Kommunikation ist ein absoluter Megatrend. Bei Siemens Com hat es allerdings so viele Management-Fehler in der Vergangenheit gegeben, dass man dieses Geschäft nicht in den Griff bekommen hat. Dass man es jetzt aus Siemens herausoperiert, kratzt an der Glaubwürdigkeit. Es impliziert Beliebigkeit, wenn man als Megatrends die Dinge definiert, in denen das Geschäft besser läuft.

Ist es falsch, dass der Konzern sich auf bestimmte Trends ausrichtet?

Nein, es macht Sinn, sich auf Energie, Mobilität, Wasser, Sicherheit und Gesundheit zu konzentrieren. Hier geht Siemens in die richtige Richtung. Aber Kommunikation gehört eben auch dazu.

Macht Kleinfeld also einen guten Job?

Die langfristige Strategie stimmt. Sie darf nur nicht durch kurzfristiges Denken in Margenzielen und durch Druck der Finanzmärkte über den Haufen geworfen werden. Siemens hat sich durch den Kauf der Diagnostiksparte von Bayer in der Medizintechnik verstärkt, der Konzern ist in die Wasseraufbereitung eingestiegen und auch in die Windkraftenergie. Heute konzentriert sich das Unternehmen nicht mehr nur auf Elektronik und Elektrotechnik. Siemens wird bunter. Das ist der richtige Weg.

Das Gespräch führte Corinna Visser.

Georg Nassauer

ist Vorsitzender

des Siemens-

Konzernbetriebsrats und Mitglied im

Aufsichtsrat.

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