Sommergetränke 2007 : Keine Chance für Dickmacher

Von Öko-Limo bis Bio-Cola: Die Industrie erfindet so viel wie nie. Vor allem gesund müssen die Durstlöscher sein.

Nils-Viktor Sorge
Sommergetränke
Wasser mit einem Spritzer Zitrone. Die Deutschen trinken immer mehr Erfrischungsgetränke. -Foto: dpa

Düsseldorf - Fast scheint es, als kehre die Getränkeindustrie gerade zu ihren Wurzeln zurück. Mit Brunnenwasser und einem Spritzer Zitrone begann im 16. Jahrhundert der Siegeszug erfrischender Drinks. In Frankreich liefen „Limonadiers“ mit Rucksäcken durch die Straßen, aus denen sie den Durstigen ihre kühlende Mixtur verkauften. Waren Zitronen knapp, griffen die Hersteller zu Kräutern und Süßholz.

Etwa 500 Jahre später liegen Wasser mit Geschmack und andere leichte Getränke wieder voll im Trend. „Die Verbraucher wollen verstärkt kalorienarme Getränke, die aber nach etwas schmecken“, sagt Ernst Kammerinke, Geschäftsführer der Wirtschaftsvereinigung Alkoholfreie Getränke (wafg). Der Anteil der aromatisierten Wässer habe 2007 mit 12,4 Prozent einen neuen Höchststand an den alkoholfreien Getränken erreicht. Klassische Zuckerlimonaden in Gelb und Weiß kommen dagegen nur noch auf acht Prozent.

Fast alle namhaften Hersteller wie Volvic, Gerolsteiner und Coca-Cola mit Bonaqa sowie Apollinaris schwimmen mit ihren neuen Produkten auf der leichten Welle mit, zu der auch der Boom der Schorlen zählt. „Die Experimentierfreude ist ungebrochen“, sagt Kammerinke.

Coca-Cola beispielsweise setzt schon lange nicht mehr allein auf seine Klassiker Coke, Fanta und Sprite. In einem gut geschützten Glasquader an der Brüsseler Autobahn forscht das Entwicklungsteam ständig an neuen Durstlöschern. „Wasser und Getränke mit weniger Zucker sind derzeit die großen Trends“, sagt Unternehmenssprecher Geert Harzmann.

Hunderte neu erfundene Getränke rinnen jedes Jahr durch die Kehlen der Testpersonen, die meisten erreichen nie die Regale. Derzeit weitet der Konzern seine zuckerfreie „Zero“-Reihe von Cola auf Fanta, Sprite und Mezzo-Mix aus und arbeitet an einer weiteren Fanta, die weniger süß ist. Mit 50 Sorten hat der Konzern in Deutschland so viele Sorten in den Supermärkten wie noch nie. Auch, weil das Unternehmen Marken zukaufte, zuletzt Apollinaris. Die Eisteesparte von Cadbury Schweppes könnte bald dazukommen. Auch eine Bio-Cola will der Konzern nicht ausschließen.

Gerolsteiner dagegen reklamiert Erfolge mit seinen „Fit“-Wellnessgetränken. Sie haben dem Unternehmen die Wende zu wieder steigenden Absätzen gebracht, sagte Chef Jörg Croseck jüngst auf einer Fachtagung des „Handelsblattes“.

Coca-Cola setzt im Werben um die durstigen Kehlen derzeit vor allem im Vertrieb auch auf seine schiere Marktmacht. Eine vermutlich sechsstellige Zahl von Kühlschränken und -truhen, nur für die Flaschen des Konzerns, habe das Unternehmen mittlerweile an Tankstellen, in Bäckereien, Bars und Diskotheken installiert, erzählt Unternehmenssprecher Harzmann. Im vergangenen Jahr sei eine fünfstellige Zahl hinzugekommen.

Die Großen müssen rasch reagieren, wenn die Konkurrenz vorprescht. Auch unbekannte Neulinge können dabei sein. Den Gesundheitstrend besonders früh erkannt haben die Macher der Öko-Limo Bionade. Sie punkten damit, dass ihre Zutaten biologisch angebaut sind. „Die Verbraucher verbinden damit Qualität und sind bereit, mehr zu bezahlen“, sagt Kammerinke. So konnte Bionade 2006 fast unbemerkt eine Preiserhöhung von 22 Prozent durchsetzen, wie Geschäftsführer Peter Kowalsky jüngst verriet. Für die von Discounter-Kampfpreisen für Mineralwasser und Brause gebeutelte Branche ein Hoffnungsschimmer. Kein Wunder, dass die Konkurrenz mit Nachahmerprodukten wie „Bionaris“ und „Ökonade“ schon in den Startlöchern steht.

Der Gesundheitstrend hat vor kurzem sogar eine Großfusion in der Getränkebranche verhindert. Pepsico (Pepsi), berichteten Insider dem „Wall Street Journal“, habe dem Lebensmittelgiganten Nestlé Avancen gemacht. Die Eidgenossen winkten jedoch ab, weil sie sich auch fürs Image ausschließlich auf gesunde Lebensmittel und Getränke konzentrieren wollen. Cola und Chips der US-Firma passten ihnen daher nicht ins Konzept.

Auch künftig werden die Getränkefirmen versuchen, sich mit neuen Trends Marktanteile zu sichern, erwartet dieWirtschaftsvereinigung. Die letzten Jahre standen mal im Zeichen des Eistees, mal der Biermischgetränke, mal der Energydrinks. Die Chance auf weiter sprudelnde Gewinne stehen gut: Mit 117 Litern pro Kopf tranken etwa die Deutschen 2006 so viel Erfrischungsgetränke wie noch nie. 1950 waren es gerade mal 5,5 Liter. „Und es werden jedes Jahr ein bis zwei Prozent mehr“, sagt Kammerinke.

In den USA ist schon zu beobachten, wo der Gesundheitstrend vielleicht bald hinführt: Dort werden gerade die ersten zuckerfreien Brausen getestet, die sogar noch beim Abbau von Kalorien helfen.

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