Wirtschaft : Sorge um Mittel- und Südamerika wächst

FRANKFURT (MAIN)/MEXIKO (HB).Zahlreiche Analysten befürchten, daß die teils deutlichen Kursverluste an den Finanzmärkten Lateinamerikas erst der Anfang einer länger anhaltenden Rezession sein könnte.Grund ist das "Safe-Haven"-Phänomen, also die Abwanderung vieler ausländischer Anleger aus den Emerging Markets in sichere Regionen wie Europa und die Vereinigten Staaten.Bankenvertreter aus Südamerika sehen diese Gefahr hingegen nicht.Für die "Flucht in die Qualität" gibt es nach Ansicht von Peter Meister von der Frankfurter BHF-Bank eigentlich keine "fundamentalen Gründe".Vielmehr drohe eine Kettenreaktion.Investoren zögen ihr Geld ab, dadurch gerieten die Länder wirtschaftlich in Schwierigkeiten, dies führe zu erneuten Fluchtbewegungen.Auch nach Ansicht von Andreas Köchling von der Landesgirokasse Stuttgart entwickeln sich zahlreiche Staaten Süd- und Mittelamerikas fundamental derzeit eigentlich positiv.Zwar sei die Staatsverschuldung oft noch sehr hoch und Deviseneinnahmen eher gering.Es gehe aber bergauf, sagte Köchling.Die internationale Finanzkrise ziehe hingegen "von Dorf zu Dorf".Nach Asien und Osteuropa bleibe jetzt Südamerika übrig.Zwar sei keine grundlegende Krise zu erwarten.Ein bis zwei Märkte könnten aber durchaus noch in ernste Schwierigkeiten geraten.

Vor allem erdölexportierende Länder sind nach Ansicht der Analysten aufgrund des niedrigen Ölpreises stark gefährdet.Genannt wurden Venezuela und Mexiko.Wegen der weltweit eher abflauenden Konjunktur sei hier keine Belebung zu erwarten, sagte Stefan Grothaus, Volkswirt bei der WGZ-Bank in Düsseldorf.Für Mexiko spricht allerdings die starke Anbindung an die USA über die Freihandelsorganisation Nafta.Thomas Pergande von der Hamburger Vereins- und Westbank ist der Ansicht, daß der Kursrutsch der mexikanischen Währung in der Vergangenheit "übertrieben" gewesen sei.Die Entwicklungen indes sprechen eher dafür, daß es noch turbulent werden kann.So eröffnete die mexikanische Börse am Mittwoch mit kräftigen Verlusten.Der Aktienindex IPC fiel in der ersten halben Stunde um knapp vier Prozent - das tiefste Niveau seit Dezember 1996.Seit Jahresbeginn hat das Börsenbarometer schon mehr als 35 Prozent verloren.Für den aktuellen Kursrückgang wurden das negative internationale Umfeld sowie die Erhöhung der mexikanischen Leitzinsen um 5,16 Prozentpunkte auf 27,16 Prozent am Dienstag verantwortlich gemacht.Als stabil bezeichnet Pergande von der Vereins- und Westbank ausdrücklich die Länder Chile und Argentinien.Brasilien leide hingegen unter einer hohen Verschuldung.

Anlegern, die bereits süd- oder mittelamerikanische Papiere halten, wird allerdings "Halten" empfohlen.Ein Verkauf wäre schon zu spät und jetzt auch übereilt, sagte Pergande.Im Gegensatz zu den deutschen Analysten rechnen südamerikanische Banker nicht mit größeren Krisen.Allenfalls in Venezuela, das stark vom Erdöl abhängig sei, könnten Probleme auftauchen, sagte der Geschäftsleiter der Banco do Estado de Paulo in Frankfurt, Horst Schmid.Argentinien verfüge hingegen über ein niedriges Haushaltsdefizit, Brasilien über ein hohes Devisenpolster.Chile attestierte der Bankvertreter die beste Finanzsituation der Region.

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