Wirtschaft : Später Einsatz

Seit einem Jahr ersetzt der Bundesfreiwilligendienst den Zivildienst. Warum sich das neue Angebot nicht nur für Jüngere lohnt.

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Soziales Engagement. Günther Sickel ist mit 64 Jahren einer der ältesten „Bufdis“ in Deutschland. Er arbeitet in einem Begegnungszentrum in Friedrichshain.Foto: D. Spiekermann-Klaas
Soziales Engagement. Günther Sickel ist mit 64 Jahren einer der ältesten „Bufdis“ in Deutschland. Er arbeitet in einem...

Nicht nur der Klang stimmt nicht mehr. Auch die glitzernde Klebefolie rund um die orangefarbene Trommel ist abgeblättert. Günther Sickel nimmt das Fell ab. Auf dem Tisch liegen Werkzeug und Kleister. Schritt für Schritt beginnt er, das Instrument auf Vordermann zu bringen.

30 Stunden in der Woche unterstützt Günther Sickel die Kollegen des Vereins Integral in Friedrichshain bei den Freizeitangeboten für behinderte und nichtbehinderte Gäste. Er gibt Trommelkurse, repariert die Instrumente, übernimmt kleine Hausmeister-Tätigkeiten. Zuletzt hat er ein Regal gebaut und einen Videoprojektor unter die Decke gehängt.

Lange gab der 64-Jährige die Kurse in dem Begegnungszentrum ehrenamtlich. Seit Oktober aber hat er nun eine Stelle dort. Er ist Bundesfreiwilligendienstler, kurz „Bufdi“ – und zwar einer der ältesten Deutschlands. Dennoch ist er einer von vielen: Etwa jeder fünfte Freiwillige ist über 50 Jahre alt.

Genau vor einem Jahr, am 1. Juli 2011, ging der Bundesfreiwilligendienst (BFD) an den Start. Die Wehrpflicht wurde abgeschafft und mit ihm fiel auch der Zivildienst weg. Der BFD wurde auf den Weg gebracht, um diese Lücke zu füllen. Ziemlich holprig ging es dann los mit dem neuen Dienst. Zu Beginn konnten die Stellen kaum besetzt werden. Doch das ist inzwischen Geschichte. Die Nachfrage ist deutlich gestiegen, die Plätze reichen kaum für die Bewerber aus. Nur die hohe Abbrecherquote macht den Anbietern zu schaffen.

Fast 33 000 Freiwillige sind heute bundesweit im Einsatz. Sie engagieren sich im sozialen oder ökologischen Bereich, in der Kultur, für Integration oder im Sport, arbeiten in Krankenhäusern, Pflegeeinrichtungen, Kitas oder Schulen. In Berlin leisten fast 1 300 Menschen Bundesfreiwilligendienst, davon sind 548 Frauen und 715 Männer. Bewerber müssen einen Schulabschluss vorweisen, egal welchen. Anders als beim Freiwilligen Sozialen Jahr spielt das Alter keine Rolle. Für das Engagement gibt es ein Honorar von bis zu 336 Euro im Monat (siehe Kasten).

Günther Sickel hat heute Zeit für einen solchen Job, weil er im Rahmen eines Alterszeitmodells in Frührente ging. In seinem alten Leben hat er als Medizintechniker in der Charité gearbeitet. Es war nicht das monatliche Taschengeld, das ihn an der neuen Aufgabe reizte. Auf der faulen Haut zu liegen, das sei nicht seine Sache, sagt er. Außerdem ist er in dem Verein in Friedrichshain seit langem aktiv. Er hat eine behinderte Nichte und das Begegnungszentrum mit aufgebaut. So kam er dazu, schließlich den Vertrag für ein Jahr zu unterschreiben.

Über eine mangelnde Nachfrage können sich auch die Berliner Wohlfahrtsverbände nicht beklagen. „Bisher konnte jeder Platz besetzt werden“, sagt Torsten Schramm. Er ist Geschäftsführer der Internationalen Jugendgemeinschaftsdienste, dem Verein, der den BFD für den Paritätischen Wohlfahrtsverband koordiniert. 220 Plätze sind in Berlin und Brandenburg zu vergeben. Im Schnitt kommen auf eine Ausschreibung zwei Bewerbungen.

Aus ganz unterschiedlichen Motiven entscheiden sich die Freiwilligen für den Dienst. Ältere schätzen ihre Chancen auf dem ersten Arbeitsmarkt oft nicht besonders hoch ein, ist die Erfahrung von Torsten Schramm. „Viele beziehen Sozialleistungen, möchten aber nicht zuhause sitzen, sondern etwas für die Gesellschaft und ihre Umgebung tun. Einige waren länger in einer Einsatzstelle aktiv und haben durch den Dienst einen neuen Status erhalten, der für sie mehr Anerkennung für ihr Engagement bedeutet“, sagt er.

Die Berliner Karriereberaterin Uta Glaubitz empfiehlt den Dienst für Ältere in bestimmten Lebensphasen: „Der Freiwilligendienst ist sehr geeignet für Menschen, die aus irgendwelchen Gründen jahrelang nicht gearbeitet haben und nicht mehr an die Regeln des Arbeitslebens gewöhnt sind. Für sie kann es ein niedrigschwelliges Angebot sein, wieder ins Berufsleben zu finden“, sagt sie.

Die jüngeren Freiwilligen dagegen nutzen den BFD, um die Lücke zwischen zwei Ausbildungsperioden sinnvoll zu nutzen. „Sie sehen ihnen als Orientierungsjahr oder planen eine berufliche Laufbahn im sozialen Bereich und wollen dafür praktische Erfahrungen sammeln“, weiß Schramm. „Der Freiwilligendienst sollte Teil ihres beruflichen Plans sein, die Einsatzstelle abhängig davon, in welchem Bereich man eine Anstellung sucht“, rät Karriereberaterin Glaubitz.

Anders als bei dem verpflichtenden Zivildienst halten allerdings viele Freiwillige nicht bis zum Ende durch. „Die Abbrecherquote liegt bei uns, wie auch im Bundesdurchschnitt, bei etwa 20 Prozent in allen Altersgruppen“, berichtet Torsten Schramm. Für die meisten Abbrecher würden sich während des Dienstes neue berufliche Perspektiven auftun. Darüber hinaus spielten oft auch persönliche Gründe eine Rolle.

Alle zwei Monate trifft sich Günther Sickel mit anderen Freiwilligen des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes. Seine Einsatzstelle, der Verein Integral, ist dort Mitglied. „Wir tauschen uns untereinander aus, hören Vorträge und diskutieren Themen aus dem Arbeitsalltag“, erzählt er. Heute ist sein Kontakt zu den Behinderten in dem Begegnungszentrum intensiver als während seiner ehrenamtlichen Tätigkeit. Er bekommt hautnah mit, mit welchen Problemen sie zu kämpfen haben.

Trotz der Freude an seiner Arbeit wird sich Sickel nicht langweilen, wenn sein Freiwilligendienst im Herbst endet. In seiner neu gewonnenen Freizeit plant er, viel Fahrrad zu fahren in der Natur – und auch weiterhin seine Trommelkurse anzubieten.

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