Spekulanten : Die Herde und ihr Trieb

Spekulanten sind nicht nur Hedgefonds. Auch Versicherungen, Kleinanleger und Investmentfonds investieren mit dem Trend.

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Unscharfe Trennung. Wer sind die Spekulanten? Manchmal nur die ganz normalen Beitragszahler von Versicherungskonzernen. Foto: dpa
Unscharfe Trennung. Wer sind die Spekulanten? Manchmal nur die ganz normalen Beitragszahler von Versicherungskonzernen.Foto: dpa

Berlin - Europa ist in der Krise, und schuld an allem sind die Spekulanten. Wenigstens darüber sind sich derzeit fast alle Politiker einig. „Die Spekulanten sind unsere Gegner“, sagt Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU), und der französische Präsident Nicolas Sarkozy ruft bereits zur „Generalmobilmachung“ gegen die unbekannte Macht auf.

Spekulanten sollen seit Monaten die Zinsen für griechische Staatsanleihen in die Höhe getrieben haben. Dadurch wurde es für Griechenland schwerer, sich Geld an den Finanzmärkten zu leihen. Und in der vergangenen Woche haben sie sich den Euro vorgenommen und den Kurs abstürzen lassen.

Wer aber sind die Spekulanten? Die simple Antwort auf diese Frage lautet: alle! Banken, Investmentfonds, Versicherer, Staatsfonds – fast alle setzen im Moment auf einen Aufschwung des Dollar und einen Absturz des Euro. Und fast alle haben, als die griechische Haushaltskrise offenbar wurde, Anleihen verkauft und nur mit dem Aufpreis hoher Risikoaufschläge wieder in das kleine Land im Südosten Europas investiert.

Sind sie damit schuld an der Krise? „Spekulanten können einen verstärkenden, aber keinen auslösenden Effekt haben“, sagt Michael Rottmann. Er ist Leiter der Zins- und Währungsanalyse bei der Uni Credit Gruppe und er legt großen Wert darauf, nicht alles, was an den Märkten passiert, als Spekulation zu verurteilen. „Griechenland hat im letzten Herbst gesagt: Unsere bisherigen Zahlen müssen revidiert werden. Wenn die Anleger sich ihr Risiko dann höher bezahlen lassen, ist das legitim und keine Spekulation.“ Dafür, dass die Renditen der griechischen Anleihen in die Höhe getrieben wurden, seien in erster Linie ganz normale Anleger verantwortlich. Anlagefonds, Pensionsfonds, ganz normale Investmentfonds. Sie hätten ihr Geld aus Griechenland zurückgezogen, weil sie Zweifel hatten, dass das Land seine Schulden zurückzahlen wird. Und je mehr Anleger solche Zweifel hätten, desto mehr würden folgen. „Sie können es sich als Fondsmanager gar nicht leisten, gegen einen Trend anzurennen“, sagt Rottmann. Was aber ist dann Spekulation? „Unter Spekulation verstehe ich, wenn jemand bewusst auf die Pleite eines Landes wettet“, sagt Rottmann. Auch das kommt vor, zum Beispiel beim Handel mit den Kreditausfallversicherungen, auch bekannt als Credit Default Swaps, kurz: CDS. Investoren nutzen solche Instrumente, um sich gegen Preisschwankungen bei Währungen, Rohstoffen oder Staatsanleihen zu schützen. Banken und Hedgefonds kaufen CDS aber auch, wenn sie keine Papiere besitzen, die sie absichern wollen. Sie wetten darauf, dass sich die Preise für die Versicherungen verteuern. Je teurer die Versicherungen, desto misstrauischer wird die Herde der Investoren gegenüber der Anlage.

Bei Währungen funktioniert das Spiel ähnlich. Es gibt Unternehmen, die sich gegen Währungsrisiken absichern, indem sie vertraglich festlegen, eine Währung zu einer bestimmten Zeit zu einem bestimmten Preis zu kaufen. Die Verkäufer wetten darauf, dass sich der Kurs in die andere Richtung entwickelt und sie mit dem Vertrag einen Gewinn machen. „Jede Währungstransaktion, der kein realer Handel zugrunde liegt, ist im weitesten Sinne Spekulation“, sagt Michael Rottmann.

An den Devisenmärkten werden jeden Tag mehr als drei Billionen Dollar gehandelt. Hier mischen zum Beispiel die Hedgefonds mit, die Branche verwaltet 1,7 Billionen Dollar. Ob sie sich untereinander absprechen, um Kurse zu bewegen, ist schwer zu beweisen. Denn der Handel mit Derivaten ist intransparent. An Währungsgeschäften verdienen auch die Banken, über die Investoren ihre Geschäfte abwickeln, zum Beispiel die Deutsche Bank, der weltweit größte Spieler. Aber auch eine Tochter des deutschen Versicherungsriesen Allianz macht seit Monaten einen weiten Bogen um den Euro. Die Spekulanten sind am Ende also auch die Versicherten. mit HB

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