Wirtschaft : Spekulationen rund um die Deutsche Bank

THOMAS KNIPP

NEW YORK .Die vertrauliche Studie landete kurz vor Weihnachten 1997 auf dem Tisch von Deutsche Bank-Chef Rolf E.Breuer.Auf 22 Seiten hatten Mitarbeiter der Abteilungen Unternehmensentwicklung und Strategische Planung die Tendenzen im Investmentbanking zusammengefaßt - es war der vierte Bericht dieser Art."Wir hoffen, das Management mit unserer Arbeit bei seinen Entscheidungen zu unterstützen", schrieben die Verfasser in ihrem Vorwort.Am Ende des Papiers beschrieben sie dann die Position der Deutschen Bank so: "Im Vergleich zum ersten Halbjahr und wichtigen US-Wettbewerbern hat die DMG (Deutsche Morgan Grenfell) ihre Kostensituation nicht verbessern können ...Die guten Verhältnisse auf den Weltfinanzmärkten haben bei allen Wettbewerbern - nicht aber bei DMG - zu Ergebnisverbesserungen geführt.Die Kosten/Ertragsquote von 79,4 Prozent ist deutlich schlechter als die der Wettbewerber.Der Ertragseinbruch bei DMG im vierten Quartal wird diese Zahl steigen lassen."

Breuer dürfte den Bericht aufmerksam studiert haben.Die aus London gemeldeten Zahlen bestätigten die Andeutungen der Analysten.Der Handel in London - unter der Führung des von Merrill Lynch abgeworbenen Edson Mitchell - hatte im ersten Halbjahr 1997 rund 800 Mill.Dollar verdient.Am Ende des Jahres, nach dem Ausbruch der Asienkrise, waren davon nur noch 70 Mill.Dollar übrig.Die meisten Mitglieder des Vorstandes verfolgten die Talfahrt mit wachsender Sorge.

Es war schließlich diese Entwicklung, die zu Beginn des Jahres für die Entscheidung sorgte, das Management des Investmentbankgeschäftes neu zu strukturieren und die Kosten massiv zu senken.An der Spitze verloren die für die Expansion verantwortlichen Vorstände Michael Dobson und Ronaldo Schmitz die Zuständigkeit für das Investmentbanking, das seither von Josef Ackermann geführt wird.Während Dobson nun das Vermögensverwaltungsgeschäft führt, wird Schmitz nur noch für Kontakte zu Kunden eingesetzt.Er gilt innerhalb der Bank als kaltgestellt.Nach Informationen des Handelsblattes sollte Schmitz seinen bis zum Jahre 2000 laufenden Vertrag nicht erfüllen; Gerüchte brachten ihn in Zusammenhang mit einer Aufgabe bei der Weltbank.Die Deutsche Bank bestreitet all dies mit Nachdruck.Schmitz sollte kommenden Woche in Washington mit Weltbankchef James Wolfensohn zusammentreffen.Schmitz nehme an einem Programm teil, in dem Vorstände großer Unternehmen die Weltbank begutachten, heißt es.Dieser Tatsache sei nicht zu entnehmen, daß Schmitz zur Weltbank wechseln wolle.Immerhin aber gilt es, bis Anfang 1999 einen neuen Chef für die Weltbanktochter IFC zu finden; diese Position wird stets mit einem Europäer besetzt.

Trotz aller Dementis scheint es klar zu sein, daß Schmitz die Verantwortung für den Zustand des Investmentbanking übernehmen muß.Die Bank selber weist auf das derzeit wohl größte Dilemma ihres Investmentbankinggeschäftes hin.Die Handelstruppe von Mitchell dominiert das Geschäft und den Ertrag.Insgesamt 53 Prozent der DMG-Erträge stammen aus dem Handel - eine im weltweiten Vergleich extrem starke Abhängigkeit vom volatilen Handelsgeschäft.Das Corporate Finance- und M&A-Geschäft kommt nicht in Gang.

Die Anfang 1998 beschlossene neue Struktur des Investmentbanking erscheint vor diesem Hintergrund verständlich.Sie hatte gleichwohl einschneidende Folgen.Die Bank verlor hunderte von zuvor für horrende Gehälter eingestellte Banker - zuletzt die amerikanische Hightech-Gruppe unter Frank Quattrone, die zu CSFB wechselte.Mit diesem Verlust müssen rund 2,5 Mrd.DM, die die Bank unter der Verantwortung von Schmitz in den Ausbau des Geschäftes investierte, abgeschrieben werden.Gleichwohl soll weiter expandiert werden.Das Haus steht dem Vernehmen nach in Gesprächen mit Lehman Brothers und der französischen AXA-Gruppe, die in Amerika die Investmentbank DLJ besitzt.Doch stellt sich die Frage, ob eine weitere teure Investition einen Durchbruch bringen könnte.(HB)

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