Spenden : Das Geschäft mit der Großzügigkeit

Fünf Milliarden Euro spenden die Deutschen pro Jahr. Nicht immer landet das Geld in der richtigen Tasche.

Ralf Schönball

Eisprinzessin Katarina Witt hat eine, Ex-Tennisprofi Michael Stich ebenfalls, aber auch Firmengründer wie Dietmar Hopp (SAP) oder Bill Gates (Microsoft). Sie alle schmücken sich mit gemeinnützigen Stiftungen, Gesellschaften oder Vereinen und deren wohltätigen Satzungen. Diese versprechen Hilfen für Kinder oder Kranke, Tiere oder Opfer von Streubomben, Hungerleidenden oder Obdachlosen. Und sie sammeln Geld, Einzugsermächtigungen für Patenschaften oder Naturalien, Kleidung und Pfandbons etwa.

In der Weihnachtszeit stimmen die Branche „schöner die Kassen nie klingeln“ an, denn die Spenden fließen dann wie nie, weil jeder etwas Gutes tun will. Doch wer stiftet oder spendet, muss sich genau überlegen, wem er sein Geld überlässt. Denn der Markt, dessen Volumen Experten auf fünf Milliarden Euro schätzen, treibt mitunter böse Blüten. Das zeigen Sammlungsverbote, Prozesse und die Aberkennung von Gütesiegeln. Sie trüben das Bild des förderungswürdigen Einsatzes für die gute Sache.

Denn der gute satzungsgemäße Zweck heiligt noch lange nicht die weniger guten werblichen Mittel: die nicht satzungsgemäße Verwendung von Spenden. Wenn weniger als 20 Cent von jedem Spenden-Euro bei den Bedürftigen ankommt, dafür aber 80 Cent in den Taschen von privaten Firmen des Vereinsvorstands, dann ärgert sich so mancher Spender. Das Problem ist nur: Fast niemand erfährt etwas davon.

Nur noch fünf Bundesländer regeln die Spendensammlung gesetzlich, alle anderen haben die Gesetze abgeschafft. Und nur Rheinland-Pfalz hat eine Einrichtung, die die Organisationen rechtlich überwacht. Berlin hat kein Sammlungsgesetz, obwohl vor dem KaDeWe aggressive Spendensammler Passanten ins Gewissen reden, ihnen reißerische Bilder von hungernden Kindern oder Tieren vorhalten, um die Unterschriften für Patenschaften zu bekommen oder Kleingeld für ihre Büchse. Doch Auftritte wie diese leisten sich fast ausschließlich unseriöse Sammler, warnt das Zentralinstitut für soziale Fragen (DZI).

Dessen Chef Burkhard Wilke nennt es einen „unerträglichen Zustand“, dass immer mehr Länder Sammlungsgesetze abschaffen und gar nichts gegen den Wildwuchs unternehmen. „Transparenz ist, was die Branche braucht“, sagt auch Olaf von Maydell, früher Finanzchef von Ärzte ohne Grenzen und heute Geschäftsführer des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung. Zumal kürzlich sogar eine Organisation, deren Namen über jeden Zweifel erhaben schien, die Spender schockte: Im Jahr 2008 verlor das Kinderhilfswerk Unicef sein Spendensiegel. Begründung des DZIs, der diese verleiht: Unicef habe von 2004 bis 2007 professionelle Spendenwerber eingesetzt und deren Provisionen verschwiegen. Unicef räumte auf, veröffentlicht heute sogar Gehälter ihrer Bereichsleiter und dürfte das Siegel bald wieder haben.

Doch das Beispiel zeigt, wie anfällig die Branche ist. DZI–Chef Burkhard Wilke sagt: „Unseriöse Organisationen finanzieren gezielt private Werbefirmen und kaum die wohltätigen Zwecke.“ Meistens würden die Spenden abgeschöpft, indem die Vereine privaten Dienstleistern lukrative Aufträge erteilen. Der Internetdienst Charity-Watch berichtet: „Der Chef eines Vereins schloss sogar einen Beratungsvertrag mit sich selbst ab.“ Eine sehr einträgliche Art der Persönlichkeitsspaltung, denn seine Selbstberatung honorierte sich der Vorstand fürstlich. „Beraterverträge, Aufträge über Fundraising oder Marketing, der Fantasie bei der Abschöpfung von Spenden sind keine Grenzen gesetzt“, sagt der frühere Banker und Anlegerschützer Stefan Loipfinger. Dabei kassierten Vereinsvorstände bisweilen ohnehin üppige Aufwandsentschädigungen.

Der Schaden geht in die Millionen. Nach DZI–Schätzungen fließen jährlich drei bis fünf Milliarden Euro an die 600 000 Vereine und 15 000 Stiftungen in Deutschland. Aber sogar von den Vereinen, die sich selbst um das Gütesiegel des DZIs bemühen, fällt jeder dritte Bewerber durch. Andererseits haben auch rund 250 Vereine die Überprüfung bestanden. Diese bestehen trotz des kritischen Blicks der Analysten in ihre Finanz- oder Jahresberichte.

Geprüft wird jedes Jahr neu, das Siegel bestätigt – oder entzogen. Dennoch versucht mancher, die Arbeit des zur Hälfte von Bund und Berlin und zur Hälfte aus eigenen Einnahmen finanzierten DZIs, infrage zu stellen. Auf der Website der Katarina-Witt-Stiftung heißt es: „Es wird in der Öffentlichkeit häufig der Eindruck erweckt, das DZI-Spendensiegel sei ein offizieller TÜV.“ Das sei ein „Missverständnis“. Das Spendensiegel müsse „gekauft werden“. Und weiter: „Als gemeinnützige GmbH unterliegt die Katarina-Witt-Stiftung strengen Auflagen seitens des Staates.“ Die Prüfung durch das Finanzamt sei ein „gültiger Nachweis für die ordnungsgemäße Verwendung der uns anvertrauten Gelder“. Deshalb verleiht sich die Witt-Stiftung lieber gleich selbst ein „Vertrauenssiegel“.

Diese Kritik an seiner Arbeit kennt DZI-Chef Wilke: „Beliebte Schutzbehauptungen“ nennt er das, da wolle sich jemand nicht in die Karten schauen lassen. Für Geld gebe es beim DZI gar nichts. Die Witt-Stiftung könne sich auch kostenlos prüfen lassen, fügt er hinzu. Wenn Spender nach bestimmten Vereinen fragen, bittet das DZI diese um Berichte, um den Spendern einen Rat zu geben. 350 Firmen ohne Siegel wurden deshalb auch ohne Gebühr beurteilt. Auch die Witt-Stiftung schrieb Wilke mehrfach an – bis heute vergeblich.

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