Wirtschaft : Spüler, Spargelstecher, Segellehrer

Wegen der zunehmenden Arbeitslosigkeit ist Saisonarbeit nicht mehr eine reine Domäne osteuropäischer Gastarbeiter

Silke Messner

Berlin. Die schönsten Geschichten vom deutschen Arbeitsmarkt gingen bisher so: In allen deutschen Spargelgegenden fehlen zu Saisonbeginn Arbeitskräfte. Das Arbeitsamt schickt Arbeitslose, die die anstrengende Arbeit auf den Feldern übernehmen sollen. Das Ergebnis: Die meisten Arbeitslosen kommen gar nicht erst, die anderen geben nach ein paar Tagen wegen Rückenschmerzen auf. Das Arbeitsamt baut Hallen, in denen im Winter Plastikspargel vergraben werden. Arbeitslose werden in einer Schulungsmaßnahme daran gewöhnt, das Gemüse zu bergen – und machen dann im Frühling doch wieder schlapp.

Das war einmal. „Im letzten Jahr waren 30 Prozent der Saisonarbeitskräfte, die wir vermittelt haben, Deutsche", sagt Roland Neumann vom Arbeitsamt Cottbus. Die Nachfrage der Einheimischen nehme eindeutig zu. Ein Grund sei, dass es in der Region kaum reguläre Jobs gebe. Die Brandenburger Arbeitslosenquote lag im vergangenen Jahr bei 17,5 Prozent. Bei Jörg Linders, einem privaten Arbeitsvermittler aus Potsdam, melden sich inzwischen ebenfalls mehr Deutsche als früher für Saisonarbeiten. Seiner Schätzung nach sind rund 20 Prozent der Erntearbeiter im Raum Berlin Deutsche.

„Wir bekommen jetzt auch für einfache Jobs wieder deutsche Mitarbeiter“, bestätigt auch Ingrid Hartges, stellvertretende Hauptgeschäftsführerin des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbandes. Ob Spüler, Serviererinnen oder Zimmermädchen – viele Deutsche seien sich nicht mehr zu fein, simple Arbeiten auf Zeit zu übernehmen.

Dagmar Heidemann aus Brandenburg hat im Januar ihren ersten Saisonjob gemacht - als Zimmermädchen im Balderschwanger Almhof Lässer, der an der deutsch-österreichischen Grenze liegt. „Ich wollte arbeiten und brauchte Geld“, sagt die gelernte Bäckerin. Dafür hat sie ihre vierjährige Tochter für drei Monate in der Obhut der Großmutter in Brandenburg lassen müssen. Eigentlich würde sie lieber im Berliner Raum bleiben. „Doch hier gibt es keine Jobs“, klagt sie. Nach ihrem Erziehungsurlaub war die 35-Jährige zwei Jahre lang arbeitslos gewesen. Im Almhof verdiente sie rund 1000 Euro im Monat, bei einer Sechs-Tage-Woche, Arbeitszeit von acht bis 17 Uhr.

Ihr Chef Eckart Lässer war zufrieden und wird sie zu Saisonbeginn zu Ostern wieder nach Balderschwang holen. Bisher beschäftigte er vor allem Österreicher und Tschechen. Viele Deutsche seien sich immer noch zu gut für den Job. „Aber ich habe den Eindruck, dass es besser wird, je mehr der Druck auf dem Arbeitsmarkt zunimmt“, sagt Lässer. Wenn er jetzt eine Stelle ausschreibe, kämen Leute, die bereit seien, wirklich zu arbeiten. Vor allem mit Mitarbeitern aus den neuen Bundesländern ist er zufrieden: „Die kennen wenigstens die Grundlagen im Service."

Gabriele Gildemeister aus Eberswalde hat im letzten Jahr Beelitzer Spargel geerntet und will in diesem Jahr die ganze Saison mitmachen, bis zum Äpfelpflücken im Herbst. „Ich mache die Saisonarbeit, weil einfach nichts über das ganze Jahr zu kriegen ist“, sagt die 39-Jährige. Sie ist seit 1997 arbeitslos, hat zwischenzeitlich für eine Zeitarbeitsfirma gearbeitet, war in einer Strukturanpassungsmaßnahme, dann wieder arbeitslos. „Ich finde es einfach furchtbar, zu Hause zu hocken. Letztes Jahr bei der Spargelernte hatte ich abends zumindest das Gefühl, etwas geleistet zu haben“, sagt sie.

Aber auch das Geld spiele eine Rolle. Die deutschen Saisonkräfte bekommen einen Stundenlohn von drei bis vier Euro. Bei Langzeitarbeitslosen schießt das Arbeitsamt pro Arbeitstag noch einmal rund 22 Euro zu. Laut Arbeitsvermittler Jörg Linders kommen die Saisonarbeiter damit auf rund 1000 Euro netto im Monat.

Es geht aber auch schicker: bei Ski- und Surflehrern zum Beispiel. Der Berliner Segel-Lehrer Dirk Rathke muss sich zwar regelmäßig im Januar und Februar arbeitslos melden. Denn dann gibt es bei der Berliner Segelschule Hering, wo er seit mehr als 15 Jahren fest arbeitet, nichts zu tun. Den Jahresurlaub im Dezember mitgerechnet, bleibt er etwa drei Monate im Jahr zu Hause. Doch so schlimm findet der 36-Jährige das nicht: „Im Sommer arbeiten wir zum Teil acht Wochen durch mit insgesamt nur drei Tagen Pause. Da ist man so überarbeitet, dass man im Winter einfach Erholung braucht.“

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