Wirtschaft : Staatliche Durchschnittsrente reicht hinten und vorne nicht - US-Politik greift in die Rentenkasse

Robert Rimscha

Der Schock kommt mit der Post. "Die Rente war nie als einzige Form der Alterssicherung gedacht", steht in einem Schreiben, das seit kurzem an alle amerikanischen Haushalte geht. Absender ist die "Social Security Administration", die 1935 gegründete Bundesbehörde für die Verwaltung von Alters-, Arbeitsunfähigkeits- und Witwenrente. Amerikas Renten-Planer warnen das Volk nicht, weil eine aktuelle Ebbe die Rentenkasse bedroht. In Amerika ist die Zukunft der Alterssicherung genauso umstritten wie in Deutschland. Es geht indes um künftige Löcher in der Kasse, nicht um gegenwärtige.

Der "Social Security Trust Fund", in den die Rentenbeiträge fließen, ist im Plus. Zwar neigen beide Parteien dazu, Haushaltslöcher durch den Griff in die Rentenkasse zu stopfen, doch dies ist nicht das Hauptproblem. Das Altern der Amerikaner ist es. Gegenwärtig sind 35 Millionen US-Bürger über 65. Im Jahr 2030 werden es 70 Millionen sein. Dann gilt für die USA, was auch der Bundesrepublik droht: Immer weniger im Arbeitsleben Stehende müssen immer mehr Senioren versorgen. Und Amerika altert früher als Deutschland. Die "Baby Boomer" kamen in den USA direkt nach dem Zweiten Weltkrieg. Deutschlands geburtenstarke Jahrgänge erblickten zwei Jahrzehnte später, Mitte der 60er, das Licht der Welt. In Amerika ist es die Clinton-Generation, die in wenigen Jahren mit dem Pensionärsleben beginnt und damit die Rentenkasse aus der Balance bringt.

45 Millionen Amerikaner beziehen "Social Security"-Leistungen. Im Schnitt beträgt die Höhe der monatlichen Rente 780 Dollar (etwa 1522 Mark). In Deutschland sind es 1900 Mark. Der Höchstbetrag liegt bei 1373 Dollar (rund 2680 Mark). Berechnungsgrundlage ist nicht das Einkommen der letzten Verdienstjahre vor dem Ruhestand, sondern das gesamte Lebenseinkommen. Mit 65 hatte man bislang Anspruch auf die volle Leistung. Wer früher in Rente geht, ab dem Lebensalter 62 ist dies möglich, muss Abstriche in Kauf nehmen. Grundlage des Systems ist nicht, wie in Deutschland, ein Generationenvertrag, bei dem die Jungen für die Alten zahlen - der Kerngedanke ist das staatlich verordnete Sparen für die eigene Alterssicherung.

Als ersten Schritt zur Streckung der Solvenz hat der US-Kongress 1998 beschlossen, das Mindestalter für die Vollrente heraufzusetzen. Massenproteste gab es dagegen nicht. Wer nach 1960 geboren wurde, kann erst mit 67 Jahren in den Genuss der vollen Zahlung kommen. Und auch die Abschläge für einen früheren Eintritt ins Rentnerleben wurden hochgesetzt. Wer 1937 geboren wurde und mit 62 statt 65 in Rente geht, kriegt 20 Prozent weniger. Wer nach 1960 geboren wurde und sich mit 62 statt 67 zur Ruhe setzt, muss mit 30 Prozent weniger auskommen.

Die heftigste politische Debatte dreht sich nicht um Bemessungsgrenzen und Beitragssätze (6,2 Prozent des Lohn- oder Gehaltsschecks als Arbeitnehmeranteil, dieselbe Summe als Arbeitgeberanteil), sondern um die Anlage des Geldes. "Social Security" verzinst die Einlagen nicht ordentlich, die Rendite liegt bei mageren 2,2 Prozent. Präsident Clinton liegen nun Entwürfe verschiedener Beratergremien vor, die alle eine Teilprivatisierung vorschlagen und darüberhinaus anregen, einen gewissen Prozentsatz des Rentenfonds am Aktienmarkt zu investieren. Der libertäre Thinktank "Cato" ist am radikalsten und betreibt erbitterte Lobbyarbeit für die Totalprivatisierung. Drei Landkreise in Texas, die in einem Modellversuch vor 18 Jahren aus der Pflichtversicherung ausgestiegen sind, haben damit gute Erfahrungen gemacht - freilich in Zeiten stetig steigender Börsenkurse. Dass die Social Security Administration die Bürger nun warnt, sich nicht allein auf die staatliche Rente zu verlassen, hat freilich andere Gründe. Die Amerikaner sparen viel zu wenig; der durchschnittliche Privathaushalt hat enorme Schulden, von Kreditkarten bis zu Hypotheken. Für das Alter legt kaum jemand etwas zurück. Und die meisten unterschätzen, was sie zu einem angemessenen Lebensstil brauchen. Amerikas Rentenplaner schätzen, dass nur 15 Prozent der US-Bürger richtige Vorsorge treiben.

Doch eben jene ist nötig. Die Durchschnittsrente von 780 Dollar im Monat reicht hinten und vorn nicht. Die meisten US-Bürger erhalten zusätzliche Leistungen aus den Pensionskassen ihrer Arbeitgeber. Seit der Einführung der "Social Security" durch Präsident Roosevelt ist der Anteil der Armen unter den Alten auf die Hälfte gedrückt worden. Heute aber ist, wer allein auf die Rente angewiesen ist, fast zwangsläufig arm. In dem vierseitigen Brief, der nun in jedem amerikanischen Briefkasten liegt, steht denn auch: "Social Security ist lediglich als Teil aller Einkünfte im Rentenalter gedacht."

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