Wirtschaft : Stammzellforschung: Interview: "In fünf Jahren werden wir verdutzt zurückschauen"

Herr Barner[die Stammzellforschung verspricht f&u]

Andreas Barner ist Forschungsvorstand im Pharmakonzern Boehringer Ingelheim.

Herr Barner, die Stammzellforschung verspricht für die Zukunft revolutionäre Heilungsmöglichkeiten. Kann sie das halten oder reden wir über reine Science-Fiction?

Der Beweis, dass durch die Stammzellforschung bahnbrechende Therapie-Erfolge gelingen können, muss erst erbracht werden. Vielleicht kann man irgendwann tatsächlich sagen, dass man mit Stammzellen bisher unheilbare Krankheiten behandeln kann. Aber wir sollten uns von den Therapiemöglichkeiten im Moment nicht zu viel versprechen. Davon sind wir wahrscheinlich noch viele Jahre entfernt.

Wie wichtig ist die Stammzellforschung für die Entwicklung neuer Medikamente?

Zum Thema Online Spezial: Die Debatte um die Gentechnik Ich glaube, dass wir die therapeutischen Möglichkeiten erst im Tierversuch prüfen und uns erst dann der Frage der humanen embryonalen Stammzellforschung zuwenden sollten. Nur in der Grundlagenforschung kann man für Experimente, die man nicht mit Tieren beantworten kann, die embryonale Stammzellforschung unter wohl definierten Bedingungen erlauben. Aber wir sollten dafür nur Stammzellen von nicht genutzten Embryonen aus der in-vitro-Fertilisation verwenden.

In den USA werden Stammzellen exklusiv für die Forschung produziert. Halten Sie das für gerechtfertigt?

Ganz klar nein. Wir sollten nicht extra für die Forschung Leben schaffen, um dann Leben zu zerstören, auch dann nicht, um später vielleicht therapeutische Optionen zu schaffen. Da haben wir eine ganz klare ethische Verpflichtung.

Für welche Art von Krankheiten könnte die Stammzellforschung interessant sein?

Wir könnten in der Grundlagenforschung viel darüber lernen, wie unterschiedliche Gewebe im menschlichen Körper entstehen. Das kann für die Krebsforschung interessant sein aber auch für Fragen des Zentralen Nervensystems wie Multiple Sklerose oder der Bildung von Herzmuskelzellen.

Wie lange müssen wir auf Medikamente und Therapien für solche Krankheiten warten?

Sehr lange. Vor zehn Jahren haben alle vermutet, dass Gentherapie bei einer ganzen Reihe unheilbarer Krankheiten den Durchbruch bringen würde. Heute sind wir von Therapien noch immer weit entfernt. So ähnlich wird das auch mit den Stammzellen sein: In fünf Jahren werden wir verdutzt zurückschauen und sagen, dass wir doch viel weniger erreicht haben, als erwartet.

Stellt die Debatte über Stammzellforschung die Biotechnologie insgesamt in Frage?

Es wäre unglücklich, wenn das so wäre. Die Biotechnologie ist inzwischen breit akzeptiert, vor allem bei der Therapie von Diabetes in der Onkologie oder beim Ersatz von Gerinnungsfaktoren. Ich glaube, dass niemand das Rad zurückdrehen will. Wir müssen nur aufpassen, dass wir keine erneute Diskussion darüber aufkommen lassen, sonst verlieren wir in Deutschland an Wettbewerbsfähigkeit.

Wie verändert die Gentechnologie die Pharmaforschung?

Mit der Kenntnis des humanen Genoms hat man festgestellt, dass nicht 100 000 Gene existieren, sondern nur 40 000. Das macht die Pharmaforschung zwar interessanter, aber auch komplexer. Der Rückschluss vom Gen auf eine Krankheit wird schwieriger. Darum müssen wir jetzt herausfinden, welche Rolle die ungefähr 500 000 Proteine, also Eiweiße, spielen, die wir im Körper haben. Und was sich davon auf Krankeiten übertragen lässt. Wie lange das dauert, hängt vom Krankheitsbild ab.

Wird die Biotechnologie die Entwicklungszeit von Medikamenten, die heute bis zu 15 Jahre dauert, verkürzen?

Die Entwicklung selbst wird wahrscheinlich nicht stark verändert. Die Frage ist, wie sich die Forschung entwickelt: Wir brauchen heute wesentlich mehr Computerunterstützung, um die großen Datenmengen auszuwerten, wir brauchen mehr Screening-Verfahren, wesentlich mehr wissenschaftliche Ansatzpunkte. Viele gehen davon aus, dass das zu einer Beschleunigung der Forschung führen wird. Aber dann dauert es immer noch zehn Jahre, bis ein Produkt auf dem Markt ist.

Ein Ziel der Gentechnologie ist es, maßgeschneiderte Medikamente für kleine Patientengruppen zu entwickeln. Was hat die Pharmaforschung davon, die doch eigentlich an möglichst großen Märkten interessiert ist?

In der Summe bleibt der Markt gleich groß. Sie haben dann vielleicht drei Medikamente, um eine Krankheit zu therapieren. Und dadurch, dass sie Patientengruppen erschließen, für die es im Moment vielleicht noch gar keine Therapien gibt, wird der Markt größer. Darin liegt natürlich auch eine Chance für die Industrie.

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