Wirtschaft : Statt Maßfertigung Produkte von der Stange

EBERHARD KRUMMHEUER(HB)

DÜSSELDORF .Die deutsche Schienenfahrzeugindustrie hat bei ihren Preisen "Weltmarktniveau erreicht" und kann Drehungen an der Preisschraube wie bisher nicht mehr verkraften."Wer uns weiter drücken will, fährt uns vor die Wand", befürchtet Rainer Kehl, Geschäftsgebietsleiter bei der Siemens Verkehrstechnik für U- und S-Bahnfahrzeuge, zugleich Vorsitzender des Fachverbandes Elektrobahnen und -fahrzeuge beim Zentralverband Elektrotechnik- und Elektronikindustrie (ZVEI).

Die erheblichen Restrukturierungsanstrengungen der Branche seien nur der eine Schritt, um den trotz hoher Auftragsbestände schwer in der Krise steckenden Industriezweig wieder in bessere Zeiten zu bringen, erklärte Kehl in einem Gespräch mit dem Handelsblatt.Genauso wichtig sei aber, daß Besteller und Lieferanten zu einem "vernünftigen Miteinander" kämen; dies hätten viele inzwischen verstanden.

"Für die klassische Maßanfertigung gibt es im Schienenfahrzeugbau keinen Raum mehr, das ist einfach zu teuer", sagte Kehl.Beispielsweise sei inzwischen in der Niederflurtechnik für Straßenbahnen auf diese Weise "ein ganzer Zoo von kostspieligen Lösungen entstanden" - und das mit allen Problemen, die technische Neuentwicklungen nun einmal hätten.Anders als die Autoindustrie, die Milliarden in die Entwicklung neuer Fahrzeugtypen stecke, werde von der Bahnindustrie erwartet, daß sie ganz ohne Prototypenfertigung funktionsfähige Modelle in immer kürzerer Zeit entwickele.Die Antwort darauf könne nur standardisierte modulare Technik sein, aus denen sich die gewünschten Fahrzeuge wie aus dem Baukasten für die jeweiligen Anforderungen des Betreibers zusammenstellen lassen.Auch wenn dies im Grundsatz akzeptiert sei, würden die Hersteller nach der Auftragsvergabe häufig mit zusätzlichen Wünschen und Spezifikationen konfrontiert.Oder es würden von den Verkehrsunternehmen spezielle Vorgaben zur Berücksichtigung von Zulieferern gemacht: "Alles dies sind indirekte Beeinflussungen, die die funktionalen Ausschreibungen stark unterhöhlen", sagte Kehl.Bei den Preisverhandlungen werde auf der Auftraggeberseite schnell übersehen, daß sich etwa die Hälfte der Fahrzeugkosten aus den Rechnungen von Zulieferern, häufig aus der Klein- und mittelständischen Industrie, addierten - "das schränkt die Möglichkeiten eines Nachlasses erheblich ein, er kann ja nicht nur aus der Wertschöpfung des Generalunternehmers gewährt werden."

Gleichwohl müßten die Unternehmen "weiter ihre Hausaufgaben machen" und vor allem ihre Qualitätsstandards ausbauen - "schneller schrauben und schweißen allein reicht nicht".Zu den positiven Entwicklungen in der Branche rechnet Kehl den verstärkten Einsatz von Aluminum und glasfaserverstärkten Kunststoffen für den Fahrzeugbau.Mit den neuen Werkstoffen lasse sich gegenüber der herkömmlichen Stahlbauweise wesentlich kostengünstiger produzieren.Doch es sei noch schwierig, die Betreiber davon zu überzeugen.Vielfach würden weiter Fahrzeuge der alten Bauart bestellt - "und die sollen wir dann zu den Preisen liefern wie die modernen, wesentlich preiswerter gefertigten".

Generell müsse die Industrie ihre Probleme erst einmal in ihrem Heimatmarkt lösen: "Wenn wir es zu Hause nicht schaffen, dann auch nicht im Ausland." Vor Exporterfolgen stehe heute fast generell die Forderung des "local content", um im Land des Bestellers Arbeit und Wertschöpfung zu sichern.Man könne die notwendige Lokalisierung nicht länger damit erreichen, daß man "überall eine Fabrik kauft".Das sei zu teuer und schaffe weltweit Überkapazitäten.

Kehls Alternativvorschlag heißt "easy local".Die Zukunft liege in vielen Regionen der Welt in intelligenten Schienenfahrzeugen in einfacher Bauweise, die möglichst in den Depots der Verkehrsunternehmen vor Ort unter fachlicher Anleitung zusammengebaut werde.Realisiert würde dies bereits bei der Metro für Taipeh: Dort werden nicht mehr komplette Fahrzeuge aus Deutschland geliefert, sondern nur noch die Bauteile.

Die Marktvolumina für die Schienenfahrzeughersteller seien nach wie vor beträchtlich.Für Straßen- und Stadtbahnen (Light Rail) bezifferte Kehl das Potential mit rund 2,4 Mrd.DM, wobei Westeuropa allein 60 Prozent ausmache - mit Deutschland als dem Straßenbahnland Nummer Eins.Bei den größeren U- und S- Bahnfahrzeugen (Heavy Rail) liege das Weltmarkt-Volumen bei 5,7 Mrd.DM, wobei als Folge des Preisverfalls mehr Fahrzeuge für dieses Geld geliefert würden.In den kommenden Jahren würden Nord- und Südamerika rund 7 Prozent Marktwachstum aufweisen, Asien und Australien 3 Prozent, während in Europa ein Rückgang von 9 Prozent zu erwarten sei.Damit bleibe das Volumen weitgehend gleich hoch.

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