Wirtschaft : Stavros Kalaitzis

Geb. 1939

Stephan Reisner

Deutsch sprechen, griechisch feiern, pragmatisch entscheiden. Als er neun war, sah Stavros Kalaitzis seine Eltern nur noch selten. Die Mutter war inhaftiert, der Vater versteckte sich in den Bergen. Die Eltern waren kommunistische Partisanen. Stavros und seine Geschwister blieben allein im Dorf zurück, so wie die Kinder der anderen Partisanen auch. Im Grunde bestand das Dorf nur noch aus Kindern, Alten und Frauen. Stavros fütterte die Hühner und wartete ab. Ein Jahr lang wartete er.

Partisanen sagten ihm eines Nachts im Winter 1949, er solle zusammenpacken, es ginge jetzt los. Mit dem Lkw fuhren sie über die verschneiten Berge, es war kalt. Die Reise ging nach Bulgarien, aber das wusste Stavros nicht. Ebenso wenig wusste er, dass Bulgarien nur eine Zwischenstation auf dem Weg in ein von Exil-Griechen geführtes Heim in Radebeul war. Radebeul bei Dresden, DDR. Stavros dachte an seine Eltern, aber von denen wusste er noch viel weniger.

Er war ein „Markos-Kind“ – benannt nach dem kommunistischen General Markos Vafiadis, der die Flucht und die Trennung der Kinder von ihren Eltern angeordnet hatte. Die griechischen Erzieher in Dresden waren streng, doch Stavros gefiel das Gemeinschaftsleben. Was verstand er schon von subtiler Willensbildung oder gar einem Recht auf Herzenswärme? Es gab zu essen, man unternahm Ausflüge, er ging zur Schule, er lernte Deutsch und machte eine Ausbildung zum Chemiefacharbeiter – und am Ende jedes Jahres versprach man ihm und den anderen, dass es bald wieder zurück nach Griechenland ginge.

Ging es aber nicht. 1955 fuhr Stavros mit einer Gruppe Jugendlicher nach Rumänien. Fast sechs Jahre hatte er seine Eltern nicht gesehen. Nun stand er – in ihrem Exil – vor ihnen. Eine Erklärung für die verloren gegangenen Jahre hatten auch sie nicht. Familie und Politik waren eben zweierlei.

Fortan besuchten sich Eltern und Sohn hin und wieder, jedoch nicht sehr oft. Als Stavros alt genug war, um zu begreifen, dass er seine Jugend hinter sich hatte, war er selbst schon auf dem Weg, eine Familie zu gründen. Anastasia war ein „Markos-Kind“ wie er. Sie lernten sich auf einem Ausflug kennen. Im Sommer 1960 heirateten sie. Bald kam ihr erstes Kind, eine Tochter. Es folgten drei Söhne. Zu sechst wohnten sie in einer kleinen Dachwohnung in Leipzig. Nach dem Ingenieurstudium begann er bei den Energiebetrieben Leipzig als Fachmann für Energie- und Wärmetechnik. Die Kalaitzis hatten nicht viel, aber sie hatten sich und den festen Willen, ein ganz normales Leben zu führen. Ein Familienleben.

Den Kindern erzählten Stavros und Anastasia kaum etwas über ihre griechische Vergangenheit, was zählte, war die Gegenwart in der DDR. Es wurde deutsch gesprochen, griechisch gefeiert und pragmatisch entschieden. Irgendwoher gab es immer eine Kiste Orangen, ein Glas Oliven oder einen frischen Schafskäse. Auf den Jahrestreffen des „Komitees Freies Griechenland“ hörte man von den anderen, von Rückkehr-Plänen, von entfernten Verwandten, die als Gastarbeiter nach West-Deutschland gingen. Als sich Ende der siebziger Jahre die Verhältnisse in Griechenland stabilisierten, war es auf einmal möglich heimzukehren. Aber die Kalaitzis’ hörten von Problemen einiger Rückkehrer, von Anfeindungen. Außerdem steckten die Kinder mitten in der Ausbildung. Also entschieden sie sich für den dritten Weg.

Im Sommer 1981 betraten sie, jeder mit zwei großen Koffern, das grell erleuchtende Labyrinth des Grenzübergangs Friedrichstraße. Das Erste, was sie in West-Berlin zur Kenntnis nahmen, war eine Gruppe Punks. Sie begannen diesmal nicht bei Null, aber auch nicht ganz unvoreingenommen.

Den Kindern gefiel die große Stadt, sie wurden flügge. Und Stavros und Anastasia erfuhren zum zweiten Mal in ihrem Leben einen schmerzhaften Verlust. Damals wurden sie von ihren Eltern getrennt, nun gingen die eigenen Kinder. Und just als sie das Gefühl hatten, ihre Familie zerfiele, vereinigte sich das Deutschland um sie herum wieder. Darauf hatten sie nicht gewartet, das war nicht ihre Geschichte. 2001 kehrten Stavros und Anastasia Kalaitzis nach Griechenland zurück.

2004 – das Jahr der Griechen. König Otto führte die griechischen Fußballer zum Europatitel, in Athen fanden die Olympischen Spiele statt. Stavros Kalaitzis hängte eine griechische Fahne auf dem Balkon auf – als Einziger in der kleinen griechischen Stadt. Endlich fühlte er sich im Leben angekommen. Er kam mit dem Fahrrad vom Einkaufen und fuhr auf der breiten Hauptstraße durch den Ort. Er hatte Badelatschen an, es waren nur kleine Einkäufe. In 150 Metern würde er abbiegen. Der Fahrer des Autos, das auf ihn zukam, war mit seinen Gedanken wohl einen Augenblick woanders.

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