Wirtschaft : Steinbeis Temming AG tritt bei -"Ein kleiner Beitrag zur Wiedergutmachung"

Christian Böhme

Franz Winterer war schockiert. In der vom American Jewish Commitee (AJC) am 8. Dezember 1999 veröffentlichten Liste mit Firmen, die während der NS-Zeit Zwangsarbeiter beschäftigt hatten, tauchte der frühere Name seines Unternehmens auf: "Teming, Peter AG Glückstadt; 200 Personen Lager Stadtstr. 7". Die Nachricht habe den Vorstand und die Belegschaft des Rechtsnachfolgers "Steinbeis Temming Papier GmbH & Co" vollkommen überrascht, sagt der Sprecher der Geschäftsführung. "Wir wußten nichts über dieses düstere Kapitel in unserer Geschichte."

Dennoch hielt es Winterer durchaus für möglich, dass an dem Vorwurf etwas dran war. Deshalb beauftragte die Chefetage einen pensionierten Mitarbeiter damit, der Sache nachzugehen. Der machte sich im Glückstädter Stadtarchiv sachkundig - und bestätigte die AJC-Liste: Bei der Peter Teming AG haben Russinnen und Kriegsgefangene gearbeitet und im Lager in der Stadtstraße gelebt. Nicht zweihundert Menschen waren es nach den firmeneigenen Recherchen, sondern knapp neunzig. "Aber die Zahl spielt überhaupt keine Rolle, unser Entsetzen wandelte sich in Betroffenheit", berichtet Winterer. Und die hatte Folgen. Am 15. Dezember trat Steinbeis Temming der Stiftungsinitiative der deutschen Wirtschaft und damit dem geplanten Entschädigungsfonds für Zwangsarbeiter bei.

Das 1895 gegründete Glückstädter Traditionsunternehmen nahe Itzehoe, das Altpapier ökologisch recycelt ("Wir machen Papier aus Papier"), ist immer noch die Ausnahme. Trotz der seit gut einem Jahr laufenden Entschädigungsgespräche weigern sich die meisten deutschen Firmen weiterhin beharrlich, der Stiftungsinitiative beizutreten. Tausende haben Zwangsarbeiter als billige Arbeitskräfte ausgebeutet. Doch wenn es um die braune Vergangenheit geht, verweisen die Unternehmen gerne darauf, dass sie rechtlich zu nichts verpflichtet seien.

Dementsprechend gering ist die Resonanz auf die Stiftungsinitiative. Nach Angaben ihres Sprechers Wolfgang Gibowski sind gegenwärtig lediglich 120 Firmen bereit, sich finanziell am Entschädigungsfonds zu beteiligen. Von den versprochenen fünf Milliarden Mark stehen erst zwei Milliarden zur Verfügung. Es müssen also noch viele Unternehmen ins Boot geholt werden. Damit es noch mehr werden, schreiben derzeit die Handelskammern alle Betriebe an, die mehr als elf Mitarbeiter beschäftigen. In wenigen Tagen will die Stiftungsinitiative im Berliner Gebäude des Deutschen Industrie und Handelstages eine Anlaufstelle für zahlungswillige Firmen einrichten.

Für die Leitung von Steinbeis Temming war es gar keine Frage, "wenigstens einen kleinen Beitrag zur Wiedergutmachung von Unrecht zu leisten und somit moralische Verantwortung zu übernehmen". Wie groß dieser Beitrag sein wird, darüber möchte Geschäftsführer Winterer nicht sprechen. Der 49-Jährige betont aber, dass sich das europaweit tätige Unternehmen (Jahresumsatz 1999: knapp 400 Millionen Mark) mit dem Geld nicht "freikaufen" wolle. Die Stiftungsinitiative sei auf jeden Fall der richtige Weg, um die ehemaligen NS-Zwangsarbeiter schnellstmöglich finanziell zumindest ein wenig zu unterstützen.

Das Engagement der Papierfirma, die seit 1985 an der Börse notiert wird, war innerhalb der 800-köpfigen Belegschaft nicht unumstritten. "Unser Unternehmen ist eben auch ein Spiegelbild der Gesellschaft und ihrer unterschiedlichen Meinungen zur Entschädigung", sagt Winterer. Viele hätten sehr positiv reagiert. Das gelte auch für die überwiegende Mehrheit der Kundschaft. Es habe aber auch Mitarbeiter gegeben, die damit nicht einverstanden gewesen seien, nach dem Motto: "Was haben wir damit zu tun?" Mittlerweile werde aber intensiv im Betrieb über die Vergangenheit diskutiert. Mehr noch. Weil die ersten Recherchen über die NS-Zeit keine weiteren Erkenntnisse zu Tage förderten, hat man einen Historiker beauftragt, die ganze Unternehmensgeschichte zu schreiben. Ein Kapitel wird sich mit dem Dritten Reich und den Zwangsarbeitern bei Peter Teming in Glückstadt beschäftigen.

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