Wirtschaft : Stiebel Eltron made in China

Die Produktpiraterie macht vor allem dem Mittelstand zu schaffen. Aber die Firmen sind nicht völlig schutzlos

B. Fröndhoff/G. Weitzenburger (HB)

München/Düsseldorf - Der Mitarbeiter des Haushaltsgeräteherstellers Stiebel Eltron staunte nicht schlecht, als er kürzlich in einem Baumarkt in Ostwestfalen stöberte: Dort entdeckte er einen Sensor-Handtrockner, der dem mehrfach ausgezeichneten Produkt seines Arbeitgebers täuschend ähnlich war. Der Trockner entpuppte sich als Kopie: Vermutlich eine chinesische Firma hatte ihn bis ins technische Detail samt Verpackung nachgebaut, nur das Stiebel-Eltron-Logo fehlte. Pikant: Verkauft wurde die Kopie nahe Holzminden, also direkt vor der Tür der Stiebel-Eltron-Firmenzentrale.

Der Fall zeigt, welche Ausmaße die Produktpiraterie mittlerweile erreicht hat. 111 Container mit unechten Schuhen, Uhren und Spielzeug mit einem Handelswert von 383 Millionen Euro stellten Zollbeamte im November im Hamburger Hafen sicher. Die gefälschten Markenartikel wurden zerschreddert. Damit, so die Zollfahnder, habe man mit einem Schlag einen wirtschaftlichen Schaden verhindert, der doppelt so hoch war wie bei den jährlichen bundesweiten Sicherstellungen von Plagiaten zuvor.

Viele Fälle bleiben jedoch unentdeckt - den gesamten Schaden für die deutsche Wirtschaft schätzen Experten auf 30 Milliarden Euro jährlich. Und: „Keiner ist so stark von Produktpiraterie betroffen wie der Mittelstand“, sagt Stiebel-Eltron-Geschäftsführer Rudolf Sonnemann. Produkte werden mittlerweile so gut nachgemacht, dass die Kopien für Durchschnittskäufer kaum zu erkennen sind.

Das spürt auch die Skatspiel-Marke ASS Altenburger. Beinahe im Zweimonatsrhythmus entdeckt die Spielkartenfabrik Altenburg auf dem deutschen Markt Kartensets, die alle Merkmale der eigenen Produkte haben, aber nicht aus der eigenen Produktion stammen. Kurz vor Weihnachten war es wieder so weit: Der Mittelständler stellte 1,5 Tonnen Kartensätze sicher. „Wenn die in den Handel gekommen wären, hätten wir einen Schaden von über 60 000 Euro gehabt“, sagt Geschäftsführer Peter Warns. Seiner Erfahrung nach kommen kopierte Produkte nicht nur aus China, sondern auch aus der Türkei und Osteuropa.

Westliche Politiker machen schon länger Druck auf Regierungen dieser Ländern, härter gegen die Produktpiraterie vorzugehen - mit ersten kleinen Erfolgen wie jüngst in China. Doch auch die Unternehmen selbst sollten alle Hebel in Bewegung setzen. Warns setzt auf mehrere Strategien: Die Spielkartenfabrik kooperiert mit dem deutschen Zoll und hat stets deutlich gemacht, dass sie mit allen Mitteln gegen Produktkopierer vorgeht. „Das schärft die Aufmerksamkeit von Händlern und Kunden und das Bewusstsein, dass Produktpiraterie kein Kavaliersdelikt ist“, sagt Warns. Zudem kontrolliert das Unternehmen auf Messen die Konkurrenz und geht mit einstweiligen Verfügungen gegen Produktpiraten vor. Beim Kampf gegen den Ideenklau sollten sich Unternehmen aber nicht allein auf die kopierenden Firmen in China konzentrieren. Auch Kunden, Händler und Importeure hierzulande tragen an dem Phänomen eine Mitschuld: „Es gibt in Deutschland auch deswegen so viele Plagiate, weil diese von Importeuren eingeführt und von Händlern verkauft werden - wissend oder unwissend“, sagt Leif Göritz, Leiter des German Centre for Industry and Trade in Peking.

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