Streiks bei Karstadt : „8,50 Euro sind nicht genug“

Die Karstadt-Beschäftigten streiken für mehr Lohn und sichere Arbeitsplätze. In Berlin wird es auch am Samstag Einschränkungen geben.

von und Fritz Zimmermann
Proteste auch vor dem KaDeWe: Nach der Übernahme durch Benko fürchten viele um ihre Jobs.
Proteste auch vor dem KaDeWe: Nach der Übernahme durch Benko fürchten viele um ihre Jobs.Foto: dpa

Sabine Schmit ist sauer: „Wir haben alle nur noch ein Wochenende im Monat frei. Am liebsten hätten sie, dass wir auch noch am Sonntag arbeiten“, ärgert sich die Berlinerin. „Wir sind fast alles Mütter, das ist einfach nicht mehr familiengerecht.“ 

Die 49-Jährige arbeitet als Verkäuferin bei Karstadt am Ku’damm. Doch an diesem Freitag hat sie sich die neongelbe Streikweste angezogen – wie viele ihrer Kollegen von Karstadt, Karstadt-Sport, dem KaDeWe und den Lebensmittelketten Rewe und Penny, die gemeinsam mit Karstadt die Lebensmittelabteilung „Perfetto“ betreiben. Bundesweit hatten nach Angaben der Gewerkschaft Verdi Tausende Beschäftigte für eine Rückkehr des Warenhauskonzerns in die Tarifbindung und eine Standort- und Beschäftigungssicherung protestiert. Die Schwerpunkte des Streiks lagen zwar im Norden und Westen Deutschlands, aber auch in Berlin gingen am Freitag rund 500 Mitarbeiter auf die Straße, berichtete Verdi.

Karstadt ist aus der Tarifbindung ausgetreten - dagegen streiken die Angestellten

Karstadt hatte die Tarifbindung im Frühjahr als Teil der Sanierung des kriselnden Konzerns befristet bis zum Jahr 2016 gekündigt. Zwar betonte Karstadt-Arbeitsdirektor Kai-Uwe Weitz am Freitag, dass sich der Handelskonzern „ausdrücklich zum Manteltarifvertrag und zu einem einheitlichen Mindestlohn von 8,50 Euro“ bekenne, doch Verdi reicht das nicht. Denn durch den Ausstieg aus der Tarifbindung profitieren die Karstadt-Mitarbeiter nicht von künftigen Tariferhöhungen in der Einzelhandelsbranche. Das Management spare sich so millionenschwere Gehaltserhöhungen, kritisiert Verdi.

Klaus Krekow ist auf Seiten der Gewerkschaft. „Auch mit 8,50 Euro kann ein Vater seine Familie nicht ernähren“, gibt der 47-Jährige zu bedenken. Hinzu kommt die wachsende Arbeitsbelastung, die er auch an seinem Arbeitsplatz bei Karstadt in Steglitz zu spüren bekommt. „Wegen der Kündigungswellen sind die Mitarbeiter, die noch da sind, jetzt schon an ihrer Grenze“, berichtet Krekow. Darunter hätten auch die Kunden zu leiden. „Der Kundenservice bleibt auf der Strecke“, fürchtet Krekow.

In vielen Karstadt-Häusern wird der Stellenabbau wohl weitergehen

Eine Besserung ist nicht in Sicht. Im Gegenteil: In vielen Häusern fürchtet man, dass der Stellenabbau weitergeht. Nachdem die Signa-Holding des österreichischen Investors Rene Benko die Mehrheit an den Karstadt-Luxushäusern – inklusive KaDeWe – und den Sportfilialen übernommen hat, ist die Verunsicherung unter der Belegschaft groß. Aber auch von den Karstadt-Filialen, die beim alten Eigentümer Nicolas Berggruen geblieben sind, stehen einzelne Häuser auf dem Prüfstand. Deshalb will Verdi eine Standort- und Beschäftigungssicherung erreichen und drängt auf Zusagen von Berggruen und Benko, dass der Warenhauskonzern nicht zerschlagen wird. „Wer nach der Tarifflucht im Mai jetzt auch noch das Unternehmen und die bisher erfolgreiche Mitbestimmung zerschlägt, spielt unverantwortlich mit den Ängsten der Beschäftigten“, kritisiert Verdi-Verhandlungsführer Arno Peukes.

Gewerkschaft Verdi ruft zum Streik bei Karstadt auf

Zumindest ist man aber wieder im Gespräch. Nach monatelanger Funkstille hatten Arbeitgeber und Arbeitnehmer im September und Anfang Oktober Gespräche geführt, Mitte November will man sich wieder an einen Tisch setzen. Die Streikaufrufe der Gewerkschaft sieht man bei Karstadt daher nicht gern. Man solle gemeinsam eine „pragmatische Lösung“ suchen, „um die nachhaltige Gesundung des Unternehmens nicht zu gefährden“, sagt Arbeitsdirektor Weitz. „Streikaufrufe können uns dieser Lösung nicht näherbringen“. Allerdings habe es in den meisten Filialen nur geringe Beeinträchtigungen gegeben, betont Weitz. „Keine Filiale ist geschlossen“.

Auch in Berlin haben statt des Stammpersonals Aushilfen, Propagandisten von Fremdfirmen und die Abteilungsleiter den Betrieb aufrechterhalten, räumt man bei Verdi ein. „Die haben alles beschäftigt, was laufen kann“, sagt Gewerkschafterin Ringer. „Doch so einfach steckt Karstadt das nicht weg“, meint die Verdi-Frau. Es habe durchaus Beeinträchtigungen gegeben. Die könnten sich auch an diesem Samstagmorgen fortsetzen. Bundesweit werden wieder zahlreiche Betriebe bestreikt, zudem werde es in vielen Filialen Betriebsversammlungen während der Öffnungszeiten geben. Auch in Berlin gehen die Aktionen weiter. Für Samstag hat Verdi zu einem „Streikfrühstück“ eingeladen.

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