STREIT UM DIE LEBENSMITTELPREISE : Die Milch fließt wieder

Zehn Tage nach Beginn des Milchstreiks hat der Vorsitzende des Bundesverbandes Deutscher Milchviehhalter (BDM), Romuald Schaber, die Milchbauern zum Ende des Lieferboykotts aufgerufen. Nach Lidl wollen weitere Einzelhändler die Preise anheben.

Sandra Dassler,Maren Peters
Milch
Bauernmarsch. Rund 7000 Milchbauern protestierten am Donnerstag vor dem Brandenburger Tor. -Foto: ddp

Berlin - „Ich fordere Sie auf, heute Abend wieder Milch zu liefern“, rief Schaber den Landwirten am Donnerstag vor dem Brandenburger Tor zu. Mehrere Tausend waren am Donnerstag zu der angemeldeten Großkundgebung gekommen, um ihren Forderungen nach einem höheren Milchpreis Nachdruck zu verleihen.

Nach dem erklärten Ende des Milchboykotts sieht Bundeslandwirtschaftsminister Horst Seehofer gute Chancen für die Einigung auf einen „fairen und kostendeckenden“ Milchpreis. Er habe nach Gesprächen mit Landwirten und Unternehmen die „deutliche Bereitschaft erkannt, in konkrete Preisverhandlungen einzutreten“, sagte der CSU-Politiker in Berlin. Nach einer tagelangen Zerreißprobe für die Milchlieferanten seien jetzt die Voraussetzungen für einen bundesweiten Durchbruch gegeben. „Das Tor ist auf, dass das jetzt flächendeckend gelöst wird“, sagte Seehofer. Einen Preis für den Liter Milch nannte Seehofer nicht. Auch der Deutsche Bauernverband hofft, dass nun auch andere Handelsunternehmen nachziehen, wie eine Sprecherin sagte.

Dass die Milch ab morgen wieder in die Molkereien statt in die Gullis fließen soll, begründete der von den Demonstranten fast wie ein Popstar gefeierte BDM-Chef Schaber mit den Ankündigungen weiterer Handelsketten, die Milchpreise zu erhöhen. Der Discounter Lidl hatte am Mittwochabend angekündigt, den Verkaufspreis für den Liter Milch vom kommenden Montag an um zehn Cent und für das 250-Gramm-Päckchen Butter um 20 Cent anzuheben. Am Donnerstag signalisierten auch Aldi, Edeka, Rewe und Tengelmann mit seinem Discounter Plus Verhandlungsbereitschaft.

Lidl stellte gestern klar, dass er den Bauern den vereinbarten höheren Milchpreis nur dann dauerhaft zahlen werde, wenn andere Discounter diesem Schritt folgen. „Wir gehen davon aus, dass Aldi und andere ihren Milchpreis jetzt ebenfalls in dieser Höhe anheben“, sagte der Chef der Schwarz-Gruppe, Klaus Gehrig, „Focus Online“. Sollte dies nicht der Fall sein, könne man die vereinbarte Preiserhöhung nicht auf Dauer sicherstellen.

Eine Lidl-Sprecherin wollte auf Anfrage nicht sagen, wie lange die neuen Preise gelten sollen. „Der hieraus erzielte Netto-Mehrpreis ist ausschließlich für die erzeugenden Landwirte bestimmt“, teilte der Discounter in Neckarsulm mit. Alle Molkereien, mit denen Lidl zusammenarbeite, seien dazu verpflichtet worden, die „zugesagten Aufschläge für H-Milch, Frischmilch sowie Butter“ an die für Lidl erzeugenden Landwirte auszubezahlen. Dies gelte sowohl für Eigenmarken als auch für Markenartikel.

Die demonstrierenden Bauern waren gestern aus allen Teilen Deutschlands nach Berlin gekommen, vor dem Brandenburger Tor schwenkten sie Fahnen und Transparente. Junge Männer verteilten milchweiße Ganzkörperanzüge, mehr als 250 Traktoren standen in Doppelreihe auf der Straße des 17.Juni und aus den Lautsprechern dröhnte das Lied, das in den vergangenen Tagen zum Hit der streikenden Landwirte geworden war: „No milk today“ von Herman's Hermits aus dem Jahr 1966.

BDM-Chef Schaber und andere Sprecher kritisierten auf der Kundgebung nicht nur die Lebensmittelketten und Molkereien, sondern vor allem jene Funktionäre in den Bauernverbänden, die, so Schaber, „von einer Mehrheit der Bauern gewählt wurden, aber diese Mehrheit nicht mehr vertreten“. Auch der konkurrierende Deutsche Bauernverband habe die Interessen der Milchviehhalter nicht nachhaltig genug vertreten und sich erst an die Seite der Streikenden gestellt, als klar war, dass sie auch in der Bevölkerung durchaus Sympathien hatten.

Unterdessen hat die Berliner Polizei gegen die Organisatoren des Protestes, die am Montag Milch am Gendarmenmarkt verschüttet hatten, eine Strafanzeige gefertigt, wegen „gefährlichen Eingriffs in den Straßenverkehr“. Die Begründung: Radfahrer und Motorradfahrer seine durch die glitschige Fahrbahn gefährdet.

0 Kommentare

Neuester Kommentar