Wirtschaft : Streit um Mercedes-Umzug eskaliert

Die Verlagerung des Vertriebs nach Berlin trifft in Stuttgart auf erbitterten Widerstand

Berlin/Stuttgart (dw).Die geplante Verlagerung des Vertriebsbereiches von Mercedes-Benz nach Berlin stößt in Stuttgart auf zunehmenden Widerstand.Der Umzug von über 700 Vertriebsangestellten - eine der größten Verlagerungen in der Geschichte von Mercedes Benz - hat in dieser Woche bereits spontane Proteste in der Belegschaft ausgelöst.Auch politisch wächst der Druck auf eine der wichtigsten Berliner Unternehmens-Ansiedlung der letzten Jahre.Wenn der Konzern seine Umzugsentscheidung revidiere, so das schriftliche Versprechen von Stuttgarts Oberbürgermeister an den Daimler-Vorstand, werde die Stadt "kurzfristig Immobilien bereitstellen." Am Montag gingen 400 Angestellte des Vertriebsbereiches in Stuttgart zu einer Demonstration auf die Straße.Weitere Kundgebungen sind nicht auszuschließen."Die Belegschaft ist nicht bereit, diese unsinnige Umzugsentscheidung mitzutragen", erklärte Betriebsratssprecher Friedrich Pfleghar.Die Proteste seien zu erwarten, wenn der Vorstand Ende nächster Woche offiziell über den Umzug nach Berlin entscheidet.Pfleghar sprach von "äußerst dürftigen Gründen", die keiner näheren Betrachtung standhielten.Offenbar müsse das Debis-Hochhaus auf dem Potsdamer Platz "auf Teufel komm raus" gefüllt werden.Die Mercedes-Benz Vertriebsorganisation Deutschland (MBVD) solle hierfür "den Lückenbüßer spielen". Stuttgarts Oberbürgermeister Wolfgang Schuster beschwerte sich am Mittwoch persönlich beim Daimler-Benz-Vorstandsmitglied Dieter Zetsche.In seinem Schreiben verwies Schuster auf "die sich dramatisch verschlechternde Arbeitsplatzsituation in Stuttgart".Allein in den vergangenen fünf Jahren habe die Region rund 100 000 Arbeitsplätze verloren, davon allein 40 000 in der Stadt Stuttgart.Die Arbeitslosenquote betrage bereits 10 Prozent."Zu dieser schwierigen Arbeitsmarktlage hat ganz wesentlich auch der Abbau von Arbeitsplätzen im Hause Daimler-Benz beigetragen", so der Oberbürgermeister.Er richte daher die Bitte an den Vorstand der Daimler-Benz AG, die Umzugsentscheidung "möglichst vollständig zu revidieren." Um den Mercedes-Vertrieb in der Stadt zu halten, machte Schuster dem Konzern weitgehende Versprechungen: "Die Stadt kann kurzfristig Immobilien im Stuttgarter Raum anbieten." Darüberhinaus machte er geltend, daß ohnehin nicht alle Vertriebsangestellten nach Berlin umziehen könnten."Dies bedeutet einen gewichtigen Verlust an Know-how, der erst mit erheblichem Schulungsaufwand ausgeglichen werden kann", mahnte er den Daimler-Vorstand. In seinem Antwortschreiben, der dem Tagesspiegel vorliegt, bekräftigte Daimler-Vorstand Zetsche jedoch die Umzugsentscheidung nach Berlin.Die Überlegung habe nichts "mit Immobilien zu tun".Vielmehr sei es von hoher Wichtigkeit, den Vertrieb, der bisher auf Stuttgart, Neuss, Hamburg, München und Berlin aufgeteilt war, auf einen Standort zu konzentrieren.Von Berlin aus könne zudem der Markt in den neuen Bundesländern besser bearbeitet werden, in dem Mercedes noch Nachholbedarf habe.Zetsche: "Das Glück, daß uns in Berlin mit dem äußerst attraktiven Standort Potsdamer Platz auch eine konzerneigene Immobilie zur Verfügung steht, die in geradezu idealer Weise den Anforderungen des Vertriebes gerecht wird, spielt selbstverständlich ebenfalls eine Rolle." Dennoch zeigt der Daimler-Vorstand Entgegenkommen: Es werde überlegt "ob nicht einzelne Bereiche, die in besonderer Weise die Nähe zur Produktion brauchen, am bisherigen Standort verbleiben können", schrieb Zetsche: "Nach heutiger Schätzung gehen wir davon aus, daß lediglich 500 bis 550 Mitarbeiter von einem Umzug nach Berlin betroffen sein werden."

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