Wirtschaft : Streit um Zusatztarife der Krankenkassen

Branche uneins über Zusammenarbeit von privaten und gesetzlichen Versicherungen – sind die Angebote wettbewerbswidrig?

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Berlin (hej). Unter den privaten Krankenversicherern (PKV) herrscht dicke Luft. Stein des Anstoßes: die neuen Kooperationen, die private Versicherungsunternehmen jetzt mit den gesetzlichen Krankenkassen bei privaten Zusatztarifen eingehen. „Ordnungspolitisch bedenklich“ sei das, meint Christian Weber, Geschäftsführer des PKVVerbandes. Möglicherweise kommt der Streit schon bald vor Gericht. Denn die neuen Allianzen sind nach Meinung Webers wettbewerbsrechtlich brisant.

Gestritten wird über Sonderkonditionen für Kassenpatienten bei privaten Zusatzversicherungen. Vom kommenden Jahr an bieten einige private Versicherer den Kunden von Barmer, Techniker und Co. Sondertarife für die Chefarztbehandlung im Krankenhaus, für neue Brillen oder den Besuch beim Homöopathen an. In der Branche sieht man die Annäherungen nicht gern. Der Grund: Wenn Kassenpatienten künftig exklusiv Zusatzversicherungen zum Schnäppchenpreis bekommen, dürften die privaten Versicherer Mühe haben, ihre eigenen, teureren Zusatzpolicen an den Kunden zu bringen.

Es geht um ein Millionengeschäft. Alle großen Krankenkassen wollen ihren Versicherten im kommenden Jahr exklusive Zusatzversicherungs-Pakete anbieten. Die Barmer Ersatzkasse stellte als Erste am vergangenen Mittwoch in Kooperation mit der HUK Coburg fünf verschiedene Zusatzpakete vor. In dieser Woche folgt die Kaufmännische Krankenkasse (KKH), die Techniker Krankenkasse steckt mitten in den Verhandlungen, die Betriebskrankenkassen planen ein Verbandsmodell. Auch die Allgemeinen Ortskrankenkassen wollen nicht abseits stehen.

Von der Zusammenarbeit profitieren aber nur die gesetzlichen Kassen, sagen Kritiker. Ihr Vorwurf: Die privaten Versicherer gefährden ohne Not ihr eigenes Geschäft mit Zusatzversicherungen. Zu den Skeptikern zählen vor allem große Privatversicherer mit einem eigenen starken Vertrieb wie die Allianz Private Krankenversicherung. „Es gibt keine Notwendigkeit zu Kooperationen“, sagt Sprecherin Kathrin Ehrig, „die Bürger können Zusatzversicherungen auf dem freien Markt bekommen.“

Auf dem freien Markt sind die Policen aber teurer als im Exklusivvertrieb über die Kasse. Um zwei bis vier Prozent bleiben die neuen Barmer-Zusatzversicherungen unter den Preisen, die die HUK für ihre Zusatzangebote verlangen würde. Richtig vergleichbar sind die Versicherungen zwar nicht, weil die privaten Versicherer für ihre Kooperationspartner jeweils spezielle, neue Pakete schnüren. Aber: „Wir sparen Werbungs- und Anschlusskosten“, sagt HUK-Coburg-Sprecher Alois Schnitzer, „diese Einsparungen geben wir an die Barmer weiter.“

Das letzte Wort ist aber noch nicht gesprochen. Möglicherweise müssen die Gerichte entscheiden, glaubt PKV-Geschäftsführer Weber: „Ich könnte mir vorstellen, dass einige Unternehmen klagen.“ Indem die gesetzlichen Kassen mit ihren Exklusivvereinbarungen in den PKV-Markt eingreifen, verstießen sie gegen das Gesetz gegen unlauteren Wettbewerb, meint Weber.

Auch einen Verstoß gegen das Kartellrecht hält der PKV-Mann für möglich. Der Grund: Kassenpatienten, die ihre Zusatztarife nicht gefährden wollen, würden ihre Kasse nicht mehr so einfach wechseln.

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