Studie : Osten wird noch Jahrzehnte im Rückstand sein

Noch auf Jahrzehnte werden die neuen Länder dem Westen hinterher hinken – Berlin hat aber gute Chancen. Die Hauptstadt hat offenbar das Schlimmste hinter sich, glauben Experten.

Carstenb Brönstrup
Mauerfall
Mauerfall. 1989 begann Deutschland ökonomisch zusammenzuwachsen. Doch der Osten hinkt bis heute hinterher. Berlin hat jedoch gute...Foto: dpa

BerlinBerlin - 20 Jahre nach dem Mauerfall ist noch immer nicht absehbar, wann der Wohlstand der neuen Bundesländer das West-Niveau erreicht haben wird. Selbst bei einem regelrechten Boom in Ostdeutschland mit einem jährlichen Wachstumsvorsprung von drei Prozent könne dies nicht gelingen, heißt es in einer neuen Studie der Hypo-Vereinsbank (HVB). „Es ist wenig wahrscheinlich, dass Ostdeutschland in den nächsten Jahrzehnten die volle Leistungskraft des Westens erreicht“, sagte HVB-Vorstand Lutz Diederichs am Freitag in Berlin. Gleichwohl sieht er die Ost-Wirtschaft in der Rezession im Vorteil – die Firmen im Westen treffe die Krise viel härter.

Schuld am hartnäckigen Rückstand sind die Probleme, die die Wirtschaft in den neuen Ländern seit Jahren prägen, finden die Experten der Bank: Die Betriebe sind oft nur verlängerte Werkbänke westdeutscher oder internationaler Unternehmen und forschen zu wenig, die Arbeitslosigkeit liegt weit über dem Bundesschnitt, vor allem junge Menschen ziehen weg.

Trotzdem traut die HVB den neuen Ländern eine Menge zu. „Wir sehen eine kontinuierlich aufwärts gerichtete Entwicklung in den letzten 20 Jahren“, erklärte Diederichs. Die moderne Infrastruktur, geringe Lohnstückkosten, eine stabile Industrie und eine gut entwickelte öffentliche Forschungslandschaft ließen hoffen – auch in Berlin.

Das umfangreiche Zahlenwerk der HVB ist die erste Bilanz zum zwanzigsten Jahrestag der Wende. Die Studie zeichnet ein Bild des seit 1989 begonnenen Aufholprozesses: vom „ökonomischen Desaster“, das nach dem Mauerfall offenbar wurde, mit maroder Infrastruktur, schrottreifen Betrieben und zerstörter Umwelt, über die schmerzvolle Anpassung an das westdeutsche System bis hin zu den Herausforderungen für die Unternehmen durch Globalisierung und Wettbewerb. Zugleich reden die Banker Klartext: „Regionen, die abseits der Wirtschaftszentren liegen, werden nie blühen“, urteilt HVB-Mann Diederichs. Viele Politiker scheuen ein solches Urteil.

1991 klafften zwischen Ost und West große Unterschiede: Die neuen Länder kamen nur auf 43 Prozent der West-Wirtschaftsleistung. Bis Mitte des Jahrzehnts schafften sie es auf knapp 70 Prozent – seither, bemängelt Diederichs, „herrscht Stagnation im Aufholprozess“. Allerdings lohnt ein genauer Blick in die Statistik: Die Bauwirtschaft habe lange Zeit die Wirtschaftsleistung nach unten gezogen. Rechne man dies heraus, sei der Osten von 1997 bis 2005 stärker gewachsen.

Dabei gab es große Unterschiede zwischen Ostsee und Erzgebirge: Der Landkreis Dahme-Spreewald als Spitzenreiter kommt seit 1995 auf 6,5 Prozent Wachstum pro Jahr, in Hoyerswerda ist der Wohlstand dagegen um 1,7 Prozent geschrumpft. Auch Berlin schneidet schlecht ab. „Kein anderes Bundesland wies seit der Vereinigung auch nur annähernd ein so schwaches Wirtschaftswachstum auf wie die Bundeshauptstadt“, heißt es in der Studie. Nur um mickrige 0,3 Prozent nahm das BIP im Schnitt der vergangenen zwei Jahrzehnte zu.

Die Umstellung von Plan- auf Marktwirtschaft hat auch für Umbrüche auf dem Arbeitsmarkt gesorgt. So sind in den neuen Ländern derzeit rund 7,4 Millionen Menschen berufstätig, ein Achtel weniger als noch 1991. Vor allem in den Branchen Bau und Industrie gab es laut der HVB-Studie „massive Verluste“. Entsprechend liegt die Kaufkraft noch weit hinter dem Westen zurück: Berlin als kaufkräftigstes Land liegt bei 15342 Euro pro Jahr, der Schnitt der alten Bundesrepublik liegt bei 19242 Euro.

An dem Rückstand dürfte sich so rasch nichts ändern. Entwickele sich der Osten so gut wie in den vergangenen fünf Jahren, dürfte er bis 2025 pro Kopf erst 75 Prozent der West-Wirtschaftskraft erreichen, hat die HVB ausgerechnet. Und selbst bei einem Wachstumsvorsprung von drei Prozent pro Jahr – einer extrem optimistischen Annahme – werde der Osten nur auf 95 Prozent des West-Niveaus kommen. Allenfalls Schleswig-Holstein, das schwächste West-Bundesland, könne man einholen, erwartet Diederichs.

Berlin traut er gleichwohl eine Menge zu. Das liegt zum einen am Kreativpotenzial der Stadt. „Für kreative Mittelständler ist Berlin spannend. Auch eine Reihe großer, multinationaler Firmen dürfte ihre Europazentrale hierher verlegen – die Beschäftigungschancen werden aber nicht gigantisch sein“, vermutete er.

Zum anderen lasse Berlins Stellung als Forschungsstadt hoffen. „40 Prozent der ostdeutschen Forschungsausgaben entfallen auf Berlin“, sagte der Vorstand – dank des staatlichen Engagements. Die Hauptstadt liege damit vor allen anderen Bundesländern. Für den Rest des Ostens ist das gleichwohl ein Problem – es kommen zu wenige Ideen von dort, die Zahl der angemeldeten Patente je 100 000 Einwohner liegt bei nicht einmal einem Drittel des West-Niveaus.

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