Wirtschaft : Südafrika: Billige Medikamente helfen dem Land nicht

Robert Block

Wer den Kampf von Patience Morare betrachtet, weiß, dass man in Afrika nicht allein mit billigen Medikamenten gegen die Aids-Epidemie ankommen kann. Die 51-jährige Ex-Krankenschwester kämpft gegen eine heilbare, oft jedoch tödliche Seuche: Tuberkulose oder TBC.

Zusammen mit freiwilligen Helfern geht sie täglich durch die stinkenden Straßen von Orange Farm - einem ausufernden Slumgebiet außerhalb von Johannesburg. In den Hütten klärt sie über die Gefahren von TBC auf und überwacht die Einnahme von Antibiotika. Vor allem aber sucht sie nach solchen Patienten, die ihre Behandlung abgebrochen haben und nun unwissentlich resistente Bakterien in ihren Lungen entwickeln. Unbehandelte TBC führt zu einer Schädigung des Lungengewebes und letztlich zum Tod. In den vier Jahren ihres Gesundheitsprojekts weckte Patience Morare das Bewusstsein für TBC unter den mehr als 250 000 Bewohnern und rettete so Hunderten von Menschen das Leben.

"Was wir den Leuten geben können, ist Menschlichkeit", sagt Patience Morare. "Doch dies reicht längst nicht mehr." Bereits jetzt drohen die jährlich 12 000 Neuinfektionen und 1500 Todesfälle allein im Großraum Johannesburg solche Erfolge zu ersticken. Selbst südafrikanische Regierungsvertreter gestehen, dass der Kampf gegen TBC inzwischen verloren ist. In dem Land, das gerade sieben Prozent der afrikanischen Bevölkerung ausmacht, leben 25 Prozent von Afrikas TBC-Infizierten, insgesamt 250 000. Auch mit der Heilungsquote von 60 Prozent liegt Südafrika weit hinter der Vorgabe der Weltgesundheitsorganisation von 85 Prozent.

Diese Zahlen sind entmutigend. Zwar haben vor kurzem drei der führenden Pharmakonzerne unter wachsendem öffentlichen Druck die Preise für den "Cocktail" der Aids-Medikamente für die ärmsten Länder gesenkt. Und auch die internationalen Hersteller solcher Arzneien stimmten letztlich dem Import und der Produktion von generischen Medikamenten zu und gaben dem Land, in denen schätzungsweise 4,7 Millionen HIV-Infizierte leben, neue Hoffnung. Doch keine Medizin hilft gegen die Armut und Gleichgültigkeit, die bei der Verbreitung ansteckender Krankheiten eine wichtige Rolle spielen. "Es ist schwer, Menschen zur Einnahme von Medikamenten aufzufordern, die nicht einmal sauberes Trinkwasser haben", sagt Rianna Louw, die TBC-Verantwortliche der südafrikanischen Regierung.

Bei der Verteilung der Aids-Medikamente werden die gleichen Probleme auftreten, wie in der TBC-Behandlung. Dabei ist Tuberkulose vergleichsweise leicht zu kurieren: Die jährliche Dosis für einen Patienten kostet fünf Dollar - verglichen mit 350 Dollar, die selbst bei den neuesten Plänen der Aids-Behandlung anfallen. Und anders als die Aids-Mittel, die auf Lebenszeit mehrmals am Tag einzunehmen sind, ist es bei TBC mit einer einmaligen täglichen Einnahme über sechs Monate getan. Trotzdem brechen 15 Prozent der südafrikanischen TBC-Opfer ihre Behandlung ab. Einige von ihnen können sich nicht einmal das Stück Brot und die Tasse Tee leisten, um die Tabletten herunterzuschlucken. Wer Arbeit hat, fürchtet als krank erkannt zu werden und meidet die Kliniken.

Viele Afrikaner misstrauen der westlichen Medizin und verlassen sich auf traditionelle Heiler, deren gefährliche Ratschläge oft für eine weitere Ausbreitung der Krankheit sorgen. Mit solchen Hindernissen kämpft Patience Morare täglich. Die inoffizielle Siedlung mit ihren wackeligen Hütten und vermüllten Pisten wächst so schnell wie kaum eine andere in Südafrika und ist eine der gefährlichsten. Jeder Vierte dort ist ohne Arbeit. Trotzdem zieht sie immer mehr Teile der armen Landbevölkerung an, die in Johannesburg nach Arbeit sucht. Viele, die in den beengten Verhältnissen krank werden, landen in den fünf Gesundheitsstationen der Gegend. Hier machte auch Patience Morare ihre ersten Erfahrungen mit TBC. Schnell bemerkte sie, dass die Patienten oft mitten in der Behandlung verschwanden. 1997 begann sie im Deep-South-Projekt. Die Einrichtung hat heute 15 freiwillige Behandlungshelfer, mit denen 120 TBC-Patienten beaufsichtigt werden. Hier gibt ihnen eine Krankenschwester eine Liste der verschwundenen Patienten mit ihren letzten Aufenthaltsorten. Selten gelingt es, sie wiederzufinden. Durch den häufigen Abbruch der Behandlung haben sich in Südafrika bereits einige behandlungsresistente Stämme von Tuberkolose-Bakterien entwickelt. Werden die Medikamente nicht richtig eingenommen, überleben die Bakterien und werden unempfindlich. Wenn sich dies im Fall von Aids wiederholt, so fürchten einige Wissenschaftler, könnte Afrika bald der Nährboden für einen gänzlich resistenten Aids-Virus sein, der sich auch über die Grenzen des Kontinents ausbreitet.

Ob die Menschen in Südafrika mit ihrer Medizin in Zukunft umsichtiger umgehen werden, ist zweifelhaft: 80 Prozent der schwarzen Bevölkerung konsultieren bei Krankheiten traditionelle Heiler. Einige von ihnen verkünden, dass Aids durch Geschlechtsverkehr mit einer Jungfrau geheilt werden kann und tragen so zu vermehrten Übergriffen auf junge Mädchen bei. Andere bestärken die Patienten in dem Glauben, dass die "Medizin des weißen Mannes" Gift sei. Patience Morare hat sich darauf eingestellt und versucht, einige dieser Wunderheiler für ihre Arbeit zu gewinnen. Es funktionierte im Fall von Mildred Seepamore, einer bekannten Schamanin, die heute als Freiwillige für das Deep-South-Projekt arbeitet. Aus ihrer Wellblechhütte heraus begrüßt sie Patienten, wie den 48-jährigen Stanley Simelane. Als der die Einnahme von Medikamenten ablehnte, zwang man ihn, die Antibiotika zu schlucken. Sofort begab er sich zu einem Schamanen, der ihn die Tabletten durch Erbrechen hinausbefördern ließ, um ihm dann seine eigenen Kräuter zu verschreiben. Keiner wusste einen Weg, bis Patience Morare den TBC-Kranken zu Mildred Seepamore brachte. "Ich versprach ihm kostenlose traditionelle Behandlung, wenn er zunächst die Pillen des weißen Mannes schluckt", sagt Mildred Seepamore. "Es wird wohl ein leeres Versprechen bleiben. Wenn die Behandlung abgeschlossen ist, wird er nichts mehr von mir brauchen."

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