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Supermarktkette vor Zerschlagung : Chef von Kaiser's Tengelmann rechnet mit Verlust vieler Jobs

Rewe, Tengelmann und Edeka erklären die Gespräche zur Rettung von Kaiser's Tengelmann für gescheitert. Eigentümer Haub kündigt die Zerschlagung an. Auch in Berlin sind Tausende Arbeitsplätze gefährdet.

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Auflösungserscheinungen: Seit zwei Jahren zieht sich der geplante Verkauf von Kaiser's Tengelmann hin. Die Kette schreibt rote Zahlen.
Auflösungserscheinungen: Seit zwei Jahren zieht sich der geplante Verkauf von Kaiser's Tengelmann hin. Die Kette schreibt rote...Foto: dpa

Kurz vor Ablauf der selbst gesetzten Frist am Montag haben sich die Rettungsbemühungen für die Supermarktkette Kaiser's Tengelmann zerschlagen. "Die Gespräche über die Zukunft von Kaiser's Tengelmann sind gescheitert", erklärte Rewe-Chef Alain Caparros am Donnerstagabend. Der Eigentümer von Kaiser's Tengelmann, Karl-Erivan Haub, kündigte an, nun mit der Einzelverwertung zu beginnen.

Für zahlreiche der rund 15.000 Beschäftigten werde das mit dem Verlust der Arbeitsplätze verbunden sein, teilte Haub am Donnerstagabend mit. "Leider müssen wir davon ausgehen, dass für zahlreiche Filialen kein Supermarktbetreiber gefunden werden kann", sagte der Firmenchef. "Deshalb steht eine große Zahl von Mitarbeitern vor dem Verlust ihrer Arbeitsplätze." Haub kündigte "umfassende Sozialplanverhandlungen" an.

Bereits in der kommenden Woche will Haub für das Filialnetzt Nordrhein sowie die Fleischwerke in Viersen, Donauwörth und Perwenitz Interessenbekundungen am Markt einholen. Mit dem Verkauf der Filialen in München und Berlin soll zeitverzögert begonnen werden. In Berlin arbeiten noch 5300 Menschen für die Supermarktkette.

Noch vor einer Woche viele Versprechungen

Noch vor einer Woche hatten Haub, Caparros, Markant-Chef Franz-Friedrich Müller, Norma-Chef Gerd Köber und Edeka-Chef Markus Mosa auf einem von Verdi vermittelten Krisentreffen versprochen, eine Lösung für Kaiser's Tengelmann auf die Beine stellen zu wollen. Diese wollte man bis zum nächsten Montag gefunden haben. Doch nun scheint das Tischtuch endgültig zerschnitten zu sein.

Rewe und Edeka überzogen sich am Donnerstag mit gegenseitigen Schuldvorwürfen. "Es drängt sich der Eindruck auf, dass Rewe an keiner Lösung im Rahmen der Ministererlaubnis interessiert war", hieß es in einer Edeka-Mitteilung. "Es gab und gibt bis jetzt kein ernsthaftes, überprüfbares und rechtlich umsetzbares Angebot an Rewe für eine konstruktive Lösung", kritisierte Caparros seine Kontrahenten Edeka und Tengelmann.

Neuen Ärger mit dem Bundeskartellamt vermeiden

Rewe war es von Anfang an darum gegangen, sein Filialnetz auszuweiten. Abfindungen wie sie etwa für das Dienstleistungsunternehmen Markant in Frage gekommen wären, waren für den zweitgrößten deutschen Lebensmittelhändler unattraktiv. In der Branche kann man das verstehen: "Im Handel heißt die Währung Filiale", sagte ein Branchenkenner dem Tagesspiegel. Rewe ist zudem finanziell gut gepolstert und damit nicht auf kurzfristige Finanzspritzen angewiesen.

Das Problem: Eine rechtlich saubere Lösung zu finden, ist in dem verfahrenen Streit nicht leicht. Denn die Ministererlaubnis erlaubt nur den Verkauf einzelner Filialen mit Zustimmung von Verdi, nicht aber die Abtrennung ganzer Regionen. Eine Neuordnung, die nicht auf Grundlage der Ministererlaubnis geschieht, hätte jedoch wieder das Bundeskartellamt auf den Plan gerufen.

"Das Bundeskartellamt prüft sehr detailliert, ob Edeka oder Rewe konkrete Filialen von Kaiser’s Tengelmann übernehmen dürfen", sagte Kartellrechtsexperte Daniel Zimmer dem Tagesspiegel. Vor allem in attraktiven Regionen wie Berlin, wo Kaiser’s noch gut 120 Filialen hat, und München wäre eine Übernahme von Filialen durch Edeka und den Branchenzweiten Rewe schwierig.

Der Kartellrechtsexperte hatte bis zum Frühling die Monopolkommission geleitet, war dann aber aus Protest gegen die Ministererlaubnis von Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel (SPD) zurückgetreten. "Für eine Prüfung durch die Wettbewerbsbehörde müssten wir mindestens sechs weitere Monate bei ungewissem Ausgang veranschlagen", gab Haub zu bedenken. Eine solch lange Zeit könne Kaiser's Tengelmann nicht durchstehen.

Edeka will fast 270 Millionen Euro zahlen

Seit zwei Jahren will Haub sein Unternehmen komplett an Marktführer Edeka verkaufen – samt der Unternehmenszentrale in Mülheim und den Fleischwerken (Birkenhof). Nach Tagesspiegel-Informationen hat Edeka vor rund zwei Jahren dafür einen Kaufpreis von fast 270 Millionen Euro versprochen. Das Bundeskartellamt hatte den Deal mit Blick auf die Marktmacht Edekas untersagt. Gabriel hatte die Übernahme zwar später mit Blick auf den Schutz der Arbeitsplätze bei Kaiser’s Tengelmann doch noch erlaubt, auf eine Klage von Rewe, Norma und Markant hin hatte das Oberlandesgericht Düsseldorf die Erlaubnis aber wieder aufgehoben.

Krisengipfel gescheitert

Seitdem herrscht große Ratlosigkeit, befeuert von wiederholten Ankündigungen Haubs, seine Kette zu zerschlagen. Der Krisengipfel der Supermarktchefs sollte das verhindern. Doch die Gespräche waren schwieriger als gedacht. "Edeka war zu extrem weiten Zugeständnissen bereit, um der Belegschaft von Kaiser's Tengelmann ab sofort eine sichere Zukunft zu bieten", betont Edeka. "Wir haben seit zwei Jahren klar gemacht, dass wir sowohl für Teil- als auch für Gesamtlösungen zur Verfügung stehen", kontert Rewe-Chef Caparros.

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Tengelmann: Zeichen stehen wieder auf Übernahme durch Edeka
Tengelmann: Zeichen stehen wieder auf Übernahme durch Edeka

Nach Tagesspiegel-Informationen sollen Edeka und Tengelmann darauf bestanden haben, dass Rewe, Norma und Markant erst ihre Klagen gegen die Ministererlaubnis zurückziehen, bevor man über Kompensationen - etwa eine Neuverteilung der Filialen - verhandelt. Darauf wollte sich Rewe aber nicht einlassen. Bei Rewe vermutet man, dass Edeka-Chef Mosa inzwischen kalte Füße bekommen hat.

"Für mich ist klar: Edeka und Kaiser's Tengelmann sind fest entschlossen, in Kürze den Kaufvertrag aufzulösen", meint Caparros. Damit käme Edeka auch um die teuren Auflagen aus der Ministererlaubnis herum. In Tarifverträgen mit Verdi ist auf Geheiß des Ministers vereinbart worden, dass fünf Jahre lang rund 15.600 Stellen bei Kaiser's Tengelmann erhalten bleiben, befristete Arbeitsverträge werden in unbefristete umgewandelt.

Doch die Bedingungen sehen heute anders aus als vor zwei Jahren: Jeder zweite Laden ist defizitär, die Kette schreibt rote Zahlen, die Einkaufspreise von Kaiser’s Tengelmann liegen um zehn bis 15 Prozent über denen der Konkurrenten, viele Mitarbeiter haben das Unternehmen bereits verlassen, die Zahl der Filialen nimmt ständig ab.

Karstadt-Mutter Signa soll ein Angebot gemacht haben

Für die Beschäftigten beginnt eine erneute Zitterpartie. Kommt es zur Einzelverwertung, dürfte Edeka einen Teil der Filialen übernehmen, der Rest könnte an Dritte gehen. Migros wird Interesse an Läden in Bayern nachgesagt, nach Brancheninformationen soll sich auch Karstadt-Eigentümer Signa für Kaiser’s Tengelmann-Läden interessieren. Angeblich hat Signa-Chef René Benko bereits ein Angebot abgegeben. Zwar betonte ein Unternehmenssprecher, dass man Marktgerüchte grundsätzlich nicht kommentiere. Signa und Karstadt verfügen aber über erhebliche Kompetenz im Lebensmittelhandel. Karstadt-Chef Stephan Fanderl kommt von Rewe, Signa-Vorstand Dieter Berninghaus war bei Metro, Migros und ebenfalls bei Rewe. In den Karstadt-Häusern wird die Lebensmittelabteilung von Perfetto betrieben, an der Karstadt 75 Prozent und Rewe 25 Prozent halten.

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