Wirtschaft : Sven Walter

(Geb. 1949)||Die Sprache. Wie funktioniert sie, wie entsteht sie? Und wie lernt man sie?

Tatjana Wulfert

Die Sprache. Wie funktioniert sie, wie entsteht sie? Und wie lernt man sie? Ein Tisch. Auf dem Tisch eine schwarze quadratische Platte aus Metall. Auf der Platte liegt eine transparente Kunststoffscheibe. Eine Hand versucht, einen kleinen bunten Kreisel zum Drehen zu bringen. Einige Male misslingt der Versuch. Dann tanzt der Kreisel in einer gleichmäßigen Bewegung. Zwei Hände ergreifen die Kunststoffscheibe und heben sie vorsichtig hoch. Der Kreisel hebt ab und schwebt frei.

Reglos, mit den staunenden Augen eines Jungen, beobachtet Sven Walter den magnetischen Kreisel. Der Kreisel beginnt zu wanken und fällt plötzlich nach unten. Dieses Mal hat er es nur eine Minute lang geschafft. Seine Bestzeit liegt bei über zwei Minuten.

Im Französischen sagt man zu einem Magneten „l’aimant“. Darin stecken die Liebe und die Anziehung.

Sven Walter war fasziniert, angezogen von Wissen und Erkenntnis aller Art. Sein Spezialgebiet war die Sprache. Wie entsteht Sprache? Wie funktioniert sie? Er studierte Linguistik, Ethnologie und Psychologie. Am Ende seines Studiums unternahm er eine einjährige Forschungsreise in das Hochland von Neuguinea. Er traf dort auf den Stamm der Eipo, ein Pygmäenvolk, das vorher nie mit Weißen in Berührung gekommen war. Eine Schriftsprache existierte nicht. Sven Walter machte Tonbandaufnahmen und beteiligte sich an der Erstellung eines Wörterbuchs. Er lebte in einer kleinen Hütte und schaute, nach einem Versorgungsflugzeug spähend, zum Himmel hinauf. Einmal warf ein solches Flugzeug Orangensaft in Dosen ab. Sven Walter hielt das seltene Getränk wie einen Schatz in seinen Händen, trank eine Hälfte des Inhalts und verwahrte die andere in seiner Hütte, für ein zweites, späteres Vergnügen. Am Abend setzte er die Dose an die Lippen und staunte über die gute Qualität des Saftes: An so viel Fruchtfleisch konnte er sich gar nicht erinnern. Dem Staunen folgte ein angewidertes Schütteln.

20 Jahre später fuhr Sven Walter noch einmal nach Neuguinea, diesmal mit Christa, seiner Liebsten. Das Dorf gab es nicht mehr, ein Erdrutsch hatte es fortgerissen.

Sven und Christa reisten viel. Bevorzugt nach Asien. Sobald sie genug Geld zusammenhatten, überlegten sie sich eine neue Route: Sri Lanka, Indonesien, Thailand. Sie ließen sich durch die Länder treiben, blieben länger, wo es ihnen gefiel, hörten, sahen, rochen und schmeckten die Besonderheiten, brachten die Musik der Einheimischen mit nach Hause.

Experten sagen, ein Kind vollziehe die ganze menschliche Sprachgeschichte in einer Miniaturvariante.

Sven Walter beobachtete mit wachsender Besorgtheit die lückenhaften Sprachkenntnisse der Berliner Kinder. Er selbst, Nachkriegskind, Sohn eines Marineoffiziers und Achtundsechziger entwickelte seine eigenen Vorstellungen von Pädagogik, weniger Druck und Drill sollten herrschen. Ende der siebziger Jahre gründete er einen der ersten Kinderläden. Später sah er dann immer deutlicher, dass es am Allernotwendigsten mangelte: Es musste überhaupt mit den Kindern gesprochen werden. Das Berliner „Institut für kreative Sprachförderung und interkulturelle Kommunikation“ wurde gegründet. Sven Walter ging in Kreuzberger und Neuköllner Kindergärten, beschäftigte sich mit Zweisprachigkeit und lernte selbst Türkisch. Er arbeitete bis tief in die Nacht, wollte etwas erreichen, auch wenn klar war, dass es kaum mehr sei als der berühmte Tropfen auf den heißen Stein. Am Ende war er erschöpft, die Krankheit hielt ihn bereits in ihrem Bann. Aber er las und schrieb und hoffte immer weiter.

An einer Seitenstraße des Kurfürstendamms liegt ein winziger Friedhof. Während seiner Zeit als Abgeordneter der Grünen kämpfte Sven Walter um die Erhaltung des Friedhofs, er kannte die schmalen, von mächtigen Kastanien gesäumten Wege und die alten Grabsteine mit ihren verblassenden goldenen Inschriften. Er konnte sich gut vorstellen, eines Tages hier zu liegen.

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