Wirtschaft : Tag der Entscheidung im Telekom-Poker

MAILAND /BONN (dw).Die größte Übernahme-Schlacht Europas ist zuende.Bis Freitag 17 Uhr konnten die Aktionäre der Telecom Italia entscheiden, ob sie ihre Aktien an den Büromaschinen-Konzern Olivetti verkaufen.Obwohl die Mailänder Börse die Stimmen bis zum Redaktionsschluß noch nicht ausgezählt hatte, galt als wahrscheinlich, daß Olivetti deutlich mehr als 35 Prozent der Aktien einstreichen konnte.Die Fusion von Deutscher Telekom mit Telecom Italia zur zweitgrößten Telefongesellschaft der Welt ist damit möglicherweise geplatzt.

Telecom Italia und Deutsche Telekom hätten zusammen den zweitgrößten Telefonkonzern der Welt nach der japanischen NTT gebildet.Mit einem Umsatz von 60 Mrd.DM und rund 300 000 Mitarbeitern hätte der Konzern den Weltmarkt-Führern AT & T und British Telecom Paroli bieten können.Nun deutet alles darauf hin, daß Olivetti den Konzern-Chefs Ron Sommer und Franco Bernabé einen Strich durch die Rechnung macht."Es herrscht allgemeine Übereinstimmung, daß Olivetti 35 Prozent erhalten wird", sagte Denis Gross von der Londoner Maklerfirma Williams De Broe Donnerstag abend, als feststand, daß Olivetti bereits 19,8 Prozent der Aktien eingestrichen hatte.Nach Ablauf der Frist für das feindliche Übernahmeangebot am Freitag um 17 Uhr rechneten nach einer Befragung der Agentur Radiocor die meisten Börsenhändler sogar damit, daß Olivetti zwischen 45 und 55 Prozent des Kapitals von Telecom Italia einsammeln konnte.Die Mehrzahl der Aktionäre wollten erst am Freitag entscheiden, ob sie ihre Anteilsscheine für 11,50 Euro pro Stück an den sechsfach kleineren Büromaschinen-Hersteller abgeben.

Olivetti braucht mindestens 50 Prozent des TI-Kapitals, um die Stimmrechtsbeschränkung aus der Satzung kippen zu können.Nur dann könnte Olivetti uneingeschränkt über Telecom Italia herrschen.Allerdings würden nach Meinung von Branchenkennern zunächst auch 45 Prozent genügen: Es sei wahrscheinlich, daß die fehlenden fünf Prozent von Großaktionären wie Fiat und dem italienischen Staat nachgekauft werden können.Ob Olivetti die feindliche Übernahme auch bei nur 40 Prozent durchführt, ist noch unsicher.Olivetti-Chef Roberto Colaninno hatte nicht ausgeschlossen, daß sein Konzern auch bei einer Akzeptanz knapp über 35 Prozent bei Telecom Italia einsteigen wird.Mit einem Anteil in dieser Höhe würde Olivetti sich entscheidende Stimmrechte auf außerordentlichen Hauptversammlungen sichern.Ideal sei jedoch eine Quote von 65 bis 70 Prozent, sagte Colaninno.Olivetti hat angekündigt, am 25.Mai bekanntzugeben, ob die angebotenen Aktien angenommen werden.

Die Mailänder Börse teilte am Freitag mit, sie werde sich erst am späten Abend zur Akzeptanz des Angebots äußern.Wenn mehr Zeit benötigt werde, werde am Sonnabend die endgültige Akzeptanzquote bekanntgegeben.Sollten 35 bis 50 Prozent der Telecom-Italia-Aktien an Olivetti gehen, wird ein langwieriger Rechtsstreit über die mit diesem Anteil verbundenen Stimmrechte erwartet.Nach Ansicht von Telecom Italia bleibt der Stimmrechtsanteil von Olivetti nach dem italienischen Privatisierungsgesetz in diesem Fall unter drei Prozent.Olivetti erklärte dagegen, im vorliegenden Fall gelte diese Regel nicht

Am Donnerstag abend scheiterte ein Versuch der Telecom Italia, in letzter Minute das von ihr als feindlich angesehene Übernahmeangebot von Olivetti vorübergehend auszusetzen.Die Telecom Italia hatte diesen Schritt von der italienischen Börsenaufsicht Consob verlangt, weil Informationen über die angebliche Akzeptanzquote aus Olivetti-Kreisen an die Öffentlichkeit gelangt seien.Damit sei die Rechtmäßigkeit des Angebots fraglich.Die Consob lehnte einen solchen Schritt jedoch ab.

Die Deutsche Telekom äußerte sich nur zurückhaltend.Telekom-Chef Ron Sommer sagte, man wolle nicht gegen das Olivetti-Angebot kämpfen, sondern die Aktionäre mit einem schlüssigen Konzept davon überzeugen, ihre Aktien zu halten.Bei einer Fusion sollen Telecom-Italia-Eigner drei und Deutsche-Telekom-Aktionäre eine Aktie des neuen Unternehmens erhalten: Nach bisherigem Kursniveau wäre dies ein höherer Anreiz, als die Olivetti-Offerte.Sollte Olivetti nicht erfolgreich sein, plant Telecom Italia bereits, die Aktionäre am 27.oder 28.Juni über den Zusammenschluß abstimmen zu lassen.

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