Wirtschaft : TAGESSPIEGEL-SERIE: EURO (12) - Einkaufen mit dem Taschenrechner

TIM KÖHLER

Der Euro wird das Preisgefüge im Einzelhandel verändernVON TIM KÖHLER

Bis zur Einführung der Euro-Banknoten und -Münzen am 1.Januar 2002 erfolgt die Preisauszeichnung im Einzelhandel ausschließlich in DM.Ab dem Tage der Währungsumstellung werden sämtliche Waren in den Kaufhäusern Deutschlands dann nur in Euro ausgepreist.Dies ist der aktuelle Stand.Laut Selbstverpflichtungserklärung des Hauptverbandes des Deutschen Einzelhandels (HDE) vom vergangenen Dezember, soll das Umrechnen von D-Mark in Euro künftig aber durch verschiedene Hilfsmittel erleichtert werden."Dies können beispielsweise sein: Unentgeltliche Ausgabe von Umrechnungstabellen und/oder Mini-Taschenrechnern, die den Verbrauchern während des Kaufvorgangs für jeden Euro-Betrag den entsprechenden D-Mark-Betrag anzeigen", steht in der Erklärung des HDE. Handelsunternehmen können also - aber müssen nicht - künftig die Preise in D-Mark und Euro ausweisen."Unsere Argumente haben den Gesetzgeber überzeugt: Eine Pflicht zur doppelten Preisauszeichnung führt nicht zu mehr Transparenz," erklärt Stefan Schneider, Sprecher des HDE.Hans-Joachim Wieckmann von der Metro AG, verdeutlicht die Position der Arbeitgeber: "Wenn wir auf unsere Produkte Brutto- und Nettopreise, jeweils mit und ohne Pfand und inklusive Sonderpreise alle doppelt auszeichnen, stünden auf jedem Produkt 16 Preise! Das wäre kein zusätzlicher Informationsgehalt, sondern reine Scheintransparenz".Alleine der Metro koste die Umstellung auf den Euro schon ohne doppelte Preisauszeichnungspflicht 500-600 Mill.DM, und diese Kosten würden - so Wieckmann - durch eine doppelte Preisauszeichnung noch viel höher liegen. Der deutsche Handel favorisiert die Umstellung der Preise ohne Übergangszeit (Big bang)."Natürlich schafft es kein Unternehmen, in einer Nacht-und-Nebel-Aktion sämtliche Produkte mit einer neuen Auszeichnung zu versehen.In einem großen Kaufhaus stehen 250 000 Produkte - da ist es organisatorisch unmöglich auf einen Schlag alle Preise auszutauschen", erklärt Olaf Schlüter von der Karstadt AG.Als Vorlauf sei es also durchaus denkbar, daß große Handelsunternehmen für eine gewisse Zeit einige Preise doppelt auszeichnen.Dies aber auf rein freiwilliger Basis. "Die Selbstverpflichtung des Handels geht nicht weit genug.Wir fordern viel mehr Transparenz für die Kunden", erklärt dagegen Manfred Westphal von der Arbeitsgemeinschaft der Verbraucherverbände (AgV) in Bonn.Laut Westphal habe der Deutsche Einzelhandel mit den Verbraucherverbänden über 16 Monate lang über eine neue Preisangabe-Verordnung verhandelt, und das Ergebnis sei diese mangelhafte Selbstverpflichtungserklärung der Handelsverbände."Der Berg kreißte und gebar eine Maus", beschreibt Westphal die Erklärung des HDE.Die Verpflichtung zu einer korrekten Umrechnung der bisher in D-Mark laufenden Preise in den Euro steht, so der Verbraucherschützer, sowieso in der Verordnung des EG-Rates zur Einführung des Euros.Insofern bringe die Erklärung des Verbandes nichts Neues."Was wir wollen: Für einen genügend langen Übergangszeitraum - also das gesamte Jahr 2001 - muß der Handel verpflichtet werden, sämtliche Endpreise in DM und Euro doppelt auszuzeichnen", sagt Westphal.Das Kostenargument des Handels gegen die doppelte Preisauszeichnung hält er für falsch: "Unsere Schätzungen gehen davon aus, daß die Umstellung den Handel in Deutschland insgesamt eine Mrd.DM kosten wird - der HDE führte dagegen wiederholt die illusorische Summe von 30 Mrd.DM an - und außerdem muß man berücksichtigen, daß es durch den Euro auch Ersparnisse geben wird.Außerdem fordern die Verbraucherschützer-Verbände wirklich nur die doppelte Angabe der Endpreise, nicht aller möglichen anderer Preise." Eine Verpflichtung zur doppelten Preisauszeichnung setzt eine Änderung der Preisangaben-Verordnung voraus.Derzeit plant das zuständige Bundeswirtschaftsministerium aber keine neue Verordnung, vielmehr erklärt sie, daß sie keine "perfektionistische Regel" anstrebt, sondern ein "praktikables und kostengünstiges Verfahren" will."Doppelte Preisauszeichnung sollte dort vermieden werden, wo sie zu überhöhten Kosten führt", so die Bundesregierung. Der Handel ist an der Fortführung des Schwellenpreissystems - auch mit Euro - interessiert.Ein Produkt, das 1,99 DM kostet, verkauft sich wesentlich besser, als ein Produkt, das 2,01 DM kostet.Schwellenpreise in die Eurowelt zu transferieren, daran arbeitet der Einzelhandel derzeit.Der Karstadt-Euro-Beauftragte, Olaf Schlüter, gibt ein Beispiel: "Ein Drei-Kilo-Paket Waschmittel kostet heute 9,99 DM.Dies entspräche einem Euro-Preis von 5,19 Euro.Nun gibt es die Möglichkeit mit dem Preis auf einen neuen Schwellenpreis herunterzugehen, also 4,99 Euro - aber dies brächte die gesamte Kalkulation durcheinander - oder man reduziert einfach die Größe der Packung.Dann wiegt das Drei-Kilo-Paket künftig nur noch 2,3 Kilo." Über derartige Veränderungen werde derzeit mit der Industrie intensiv diskutiert, so Schlüter.Die Branche zeichne sich durch einen so hohen Wettbewerbsdruck aus, daß es nicht zu generellen Aufrundungen der Preise bei der Umstellung auf den Euro kommen wird.Solche Befürchtungen mancher Kunden im Vorfeld des Euros seien unbegründet, sagt Schlüter. Auch der Sprecher des Handelverbands, Stefan Schneider, wiegelt derartige Befürchtungen von Verbrauchern ab: "Es wird nicht zu allgemeinen Preiserhöhungen kommen, allerdings wird es viel Bewegung im Preisgefüge geben".AgV-Sprecher Westphal weist darauf hin, daß demnächst nach Inkrafttreten der neuen "europäischen Verordung über den Grundpreis", zusätzlich auch die jeweiligen Gewichtspreise auf den Waren ausgezeichnet werden müssen.Dann stünden mit doppelter Preisauszeichnung pro Ware mindestens vier Preise auf jeder Ware.Etwa so: "Ein Pfund Butter: 1,99 DM/1,03 Euro, 80 Pfennig/41 Cent pro 100 Gramm".Gut, daß es Taschenrechner gibt.

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