Wirtschaft : Tarifverträge: Europas Sozialmodell lebt noch

csp

In allen EU-Mitgliedsstaaten und Norwegen gibt es ein sehr ähnliches Tarifvertragssystem. Will man dieses "Europäische Sozialmodell" erhalten, ist eine Koordinierung der nationalen Systeme erforderlich. Diese Auffassung vertrat Thorsten Schulten am Donnerstag in der Berliner Vertretung der EU-Kommission. Seine Studie wurde im Auftrag der Europäischen Stiftung zur Verbesserung der Lebens- und Arbeitsbedingungen (EIRO), Dublin, erstellt. EIRO-Manager Timo Kauppinen verwies auf die Gefahren der Amerikanisierung, Japanisierung und Afrikanisierung.

Trotz großer nationaler Unterschiede gibt es gemeinsame Trends bei der Lohnentwicklung. Zwar greifen in den meisten EU-Staaten mehrere Verhandlungssysteme ineinander - von der Betriebs- bis zur nationalen Ebene. "Jedoch haben branchenspezifische Vertragssysteme das Europäische Sozialmodell geprägt", betonte Schulten. Wenn man dieses Modell angesichts der Globalisierung retten wolle, müsse eine Europäisierung stattfinden. Kauppinen verwies auf die europäische Ebene des sozialen Dialogs, die an Bedeutung gewonnen habe. Man müsse jedoch zwischen makroökonomischem Dialog und konkreten Tarifverhandlungen unterscheiden.

Schulten befürwortete "eine Koordinierung der nationalen Lohnpolitiken auf EU-Ebene, um Spielregeln wie in der Geldpolitik zu definieren". Denn Flächentarifverträge schaffen nicht nur sozialen Ausgleich. Sie erzwingen auch "Wachstum durch Produktivitätssteigerung" - und gerade nicht durch Abstriche bei den Löhnen. Produktivitätssteigerungen hätten Europas Wirtschaftskraft gesichert und sollten dies auch weiterhin tun. Bei der EU-Osterweiterung bestehe zwar die Gefahr einer Erosion des westeuropäischen Modells, dies sei aber kein Automatismus. Kauppinen fügte hinzu, dass die EU-Kommission nicht von einem signifikanten Effekt der Osterweiterung auf das Lohnniveau der EU ausgehe - Erfahrungen mit Spanien und Protugal bewiesen das.

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