Teilzeit arbeiten : Vom Büro auf den Spielplatz

Immer weniger Berliner arbeiten Vollzeit. Was früher vor allem ein Modell für berufstätige Mütter war, ist heute sogar für Chefs eine Alternative. Drei Erfahrungsberichte.

Sina Krambeck
Nachmittags im Sandkasten. Nach wie vor haben Männer seltener Zeit für die Kinderbetreuung.
Nachmittags im Sandkasten. Nach wie vor haben Männer seltener Zeit für die Kinderbetreuung.Foto: Daria Filiminova Fotolia

Auch Sigmar Gabriel will zeigen, dass es geht: Vor zahlreichen Mikrofonen hat der Bundeswirtschaftsminister der Öffentlichkeit berichtet, einmal in der Woche seine Tochter von der Kita abzuholen, um den Nachmittag mit ihr zu verbringen. Damit reiht sich der SPD-Politiker ein in die Bewegung der „neuen Väter“, die ihre Wochenarbeitszeit zugunsten der Familie reduzieren. Auch Bundesfamilienministerin Manuela Schwesig griff mit ihrem Vorschlag, eine 32-Stunden-Woche für berufstätige Eltern einzuführen, den Wunsch vieler Arbeitnehmer nach mehr Familienzeit auf.

Damit treffen die beiden Politiker offenbar einen Nerv. Immer mehr Beschäftigte, nicht nur Eltern, wollen kürzere Arbeitstage und mehr freie Zeit. Die Teilzeitquote steigt seit Jahren, auch in Berlin. Waren im Jahr 2005 noch 24 Prozent der Erwerbstätigen in der Stadt, und damit knapp jeder vierte, in Teilzeit beschäftigt, so waren es 2012 schon 28 Prozent. Die meisten Teilzeitarbeiter sind nach wie vor Frauen (63 Prozent). Doch immerhin: Der Anteil der teilzeitbeschäftigten Männer hat sich laut IHK seit 2005 von 32 Prozent auf 37 Prozent erhöht.

Das Modell ist heute längst nicht nur eine Alternative für Mütter, die etwas zum Familieneinkommen hinzuverdienen wollen. Selbst Führungskräfte kommen langsam auf den Geschmack. In Zeiten des Fachkräftemangels erkennen immer mehr Unternehmen, dass flexible Arbeitszeitmodelle eine Möglichkeit sind, erfahrene Fachkräfte zu binden. Einige Firmen machen vor, wie es funktioniert.

Beim Chemiekonzern BASF Services Europe etwa, der in Berlin 1100 Mitarbeiter beschäftigt, arbeiten derzeit 93 Teilzeitkräfte, jede fünfte davon (22 Prozent) in einer Führungsposition.

Eine von ihnen ist Judith Nolten-Bertucco. Die 46-Jährige ist als „Knowledge Coordinator“ für die Wissensverwaltung ihrer Abteilung verantwortlich und koordiniert die Durchführung von Schulungen. Die Mutter zweier Kinder arbeitet 25 Stunden in der Woche. „Natürlich braucht es viel Planung , eine solche Position in Teilzeit auszuführen“, sagt sie. Es sei enorm wichtig, den Kollegen klar zu kommunizieren, wann sie erreichbar ist. Sehr hilfreich sei auch die „Vertrauensarbeitszeit“: Sie selbst bestimmt, wann sie ins Büro geht und ihre Arbeit erledigt.

„Mit Angeboten wie diesem binden wir Fachkräfte an unser Unternehmen und erhalten uns dadurch wertvolle Erfahrung und Wissen, das wir sonst ersetzen oder mühsam neu aufbauen müssten“, erklärt Personalleiter Jens Christian Bechtold die Vorteile aus Arbeitgebersicht.

Morgens im Job. Mehr als jeder vierte Hauptstädter ist weniger als 40 Stunden die Woche für seinen Arbeitgeber tätig.
Morgens im Job. Mehr als jeder vierte Hauptstädter ist weniger als 40 Stunden die Woche für seinen Arbeitgeber tätig.Foto: goodluz Fotolia

Auch bei der Investitionsbank Berlin (IBB) können Mitarbeiter auf Chefebene in Teilzeit arbeiten: So leiten Silke Palwizat und Gert Brands seit 2006 als „Chef-Tandem“ gemeinsam die Abteilung Bestandsmanagement mit 16 Mitarbeitern. Beide arbeiten 60 Prozent. Silke Palwizat ist montags bis donnerstags da, Gert Brands von Mittwoch bis Freitag. Die tageweise doppelte Besetzung ermöglicht ihnen, sich gut abzusprechen.

Vorgesetzte und Mitarbeiter waren anfangs skeptisch, ob die Doppelspitze funktioniert. „Aber inzwischen sehen alle, dass es klappt“, sagt Gert Brands. Der 44-Jährige Vater zweier Töchter genießt die Flexibilität, die ihm die Teilzeitstelle bietet. Für Silke Palwizat war das Modell nach ihrer Rückkehr aus der Elternzeit die ideale Chance, trotz reduzierter Stundenzahl eine Leitungsfunktion zu übernehmen. „Eine so große Abteilung alleine zu führen, wäre mit Teilzeit nicht möglich gewesen, denn es ist wichtig, dass immer ein Verantwortlicher ansprechbar ist“, erklärt sie.

Auch die Berliner Gasag setzt auf die Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Für seine flexiblen Arbeitszeitmodelle und ein Eltern-Kind-Büro wurde der Gasversorger von IHK und Handwerkskammer 2012 als„Familienfreundlichstes Unternehmen“ Berlins ausgezeichnet.

Freya Schwarzbach, Leiterin der Strategischen Personalentwicklung, nutzt das Eltern-Kind-Büro immer wieder einmal. Die 41-jährige arbeitet 30 Stunden pro Woche. Ist die Kita zu und im Büro ihre Anwesenheit wichtig, bringt sie ihre Tochter einfach mit. Dass ein Mitarbeiter wegen einer Stundenreduzierung auf einen unattraktiven Posten ohne Entscheidungsbefugnis abgeschoben wird, hat sich bei ihr jedenfalls nicht bewahrheitet. „Ich habe viele spannende Aufgaben, nehme an Weiterbildungen teil und habe nicht das Gefühl, etwas Wichtiges zu verpassen“, sagt sie. Mit guten Mitarbeitern und effizienter Organisation sei es auch mit einer 30-Stunden-Woche sehr gut möglich, eine Führungsposition auszuüben. „Zur Not müssen Telefonate halt auch mal vom Spielplatz aus geführt werden“, sagt Schwarzbach.

Gute Organisation, das heißt für Teilzeit-Vorgesetzte zum Beispiel, dass ihr Kalender für alle Mitarbeiter einsehbar ist, bei den Terminabsprachen alle berücksichtigt werden und es in Abwesenheit des Chefs einen Ansprechpartner gibt.

Obwohl es immer mehr Firmen ermöglichen: Noch ist Teilzeit in Chefetagen längst nicht die Regel. Laut einer Studie des Wissenschaftszentrum Berlin (WZB) arbeitet bundesweit nur jede siebte Managerin (14,6 Prozent) in Teilzeit, bei den Männern sind es nur ein Prozent. Weil die Präsenzkultur in den Firmen noch so stark verbreitet und viele Vorgesetzte der Meinung seien, ein guter Chef muss immer anwesend sein, sind es noch nicht mehr, meinen die WZB-Forscher. Spiele man da nicht mit, schade man seiner Karriere.

„Wer seine Arbeitszeit reduzieren will, sollte konkrete Vorschläge parat haben, wie das in seinem Unternehmen am besten zu realisieren ist“, empfiehlt die Hamburger Karriereberaterin Svenja Hofert. Dann sind die Chancen größer, den Vorgesetzten vom Nutzen für alle zu überzeugen.

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