Wirtschaft : Telefónica: Personalquerelen bei Spaniens Telefonkonzern

Ralph Schulze

Eigentlich sollte Martin Bangemann, der frühere deutsche EU-Kommissar, schon längst, Anfang Juli, seinen Dienst in Spanien begonnen haben. Doch möglicherweise wird er nie seinen Spitzenposten bei Spaniens größtem Unternehmen, dem Medienriesen Telefónica, antreten. Bangemanns Spanien-Zukunft hängt vom Schicksal des Telefónica-Präsidenten Juan Villalonga ab, dessen persönlicher Berater er spielen sollte. Aber derzeit sieht es eher danach aus, als würde die steile Karriere Villalongas, der unbestritten aus dem schwerfälligen Ex-Staatsunternehmen binnen vier Jahren einen dynamischen Weltkonzern machte, im freien Fall enden - und damit könnte auch Bangemann fallen.

Der Aufsichtsrat Telefónicas zog jedenfalls in Sachen Bangemann zunächst einmal die Bremse: Ende Juni 2000 wurde die geplante Aufnahme des Deutschen, der sich im Sommer 1999 in Brüssel als EU-Kommissar höchst unschön verabschiedet hatte, verschoben. Auch in der kommenden Spitzensitzung am 26. Juli verspürt der Aufsichtsrat keine Lust, Bangemann den Steigbügel zu halten. "Es gibt derzeit wichtigere Themen", heißt es in der Konzernzentrale in Madrid. Zum Beispiel den Rauswurf des Chefs, des 48jährigen Villalonga, der das Multi-Media-Unternehmen binnen Monaten in so stürmisches Fahrwasser steuerte, dass es den Aktionären angesichts des Kurssturzes Angst und Bange wurde.

Der Sturm verschärfte sich gerade zum Donnerwetter: Weil Spaniens Börsenaufsicht neuerdings gegen Juan Villlalonga wegen Aktien-Insider-Geschäften ermittelt. Der Telefónica-Konzernchef soll sich dank Vorzugsinformationen erheblich illegal bereichert haben. Und zweitens weil, dies wiegt vielleicht noch schwerer, Spaniens konservativer Regierungschef José María Aznar seinen früheren Schulfreund Juan, den er 1996 selbst auf den Telefónica-Chefsessel hievte, zum Abschuss freigab. Das Ende dieser Schulfreundschaft dürfte das Ende der Telefónica-Karriere ViIlalongas beschleunigen.

Die Liste der umstrittenen Entscheidungen Villalongas ist inzwischen lang: Die ersten Böen brauten sich zusammen, als 1999 bekannt wurde, dass Villalonga sich und weiteren hundert Telefónica-Spitzenmanagern Aktienoptionen im Wert von 240 Millionen Euro zugeschustert hatte. "Ein Skandal", kommentierte die Regierung. Kurz darauf die nächste Bombe: Villalonga verpflichtete Bangemann, damals noch EU-Kommissar für den Telekommunikationsmarkt, als Telefónica-Berater für strategische Entscheidungen - eine Anstellung, die klar gegen Brüsseler Regeln verstieß und Spaniens Regierung in große Verlegenheit brachte. Auf Druck Brüssels mußte die Umsetzung des Bangemann-Deals um ein Jahr, bis heute, aufgeschoben werden.

Dann folgten Villalongas Fusionspläne mit dem holländischen Telefongiganten KPN, die den holländischen Staat, den größten KPN-Aktionär, gleich noch zum Hauptaktionär bei Spaniens Telefónica gemacht hätte. Spaniens Regierung, die über eine "goldene Aktie" beim privatisierten Ex-Staatsunternehmen mitreden kann und der Telefónica-Aufsichtsrat verhinderten dies. Auch die von Villalonga ausgeheckten und als überteuert geltenden Übernahmen der niederländischen Fernsehfabrik Endemol ("Big Brother") und des globalen Internet-Portals Lycos stießen im Telefónica-Vorstand und bei den Großaktionären auf Kritik. Villalonga wird ein selbstherrlicher und realitätsferner Führungstil vorgeworfen.

"Nur ein Wechsel in der Führung werde die Wogen wieder glätten", rauscht es durch die Madrider Zentrale des Telefónica-Konzerns. Es sei lediglich noch offen, wann und wie der Abschied von statten gehen soll. Als nicht unwahrscheinlich gilt, dass Villalonga seinem angestrebten Rauswurf mit einem freiwilligen Abschied zuvorkommt - der dann vermutlich per "goldenem Handschlag", einer üppigen Abfindung, abgefedert wird. Auf ähnliche Weise könnte dann Martin Bangemann der Verzicht auf seinen Dienstantritt in Madrid angenehm versüßt werden.

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