Wirtschaft : Telekom-Chef schon unter Druck

Am Dienstag will der Aufsichtsrat ein neues Erfolgsprogramm sehen

Corinna Visser (mit HB)

Berlin - Am Dienstag wird es spannend bei der Deutschen Telekom. Dann muss der neue Vorstandschef René Obermann dem Aufsichtsrat darlegen, wie er den Konzern wieder auf die Erfolgsspur bringen will – und mit welchem Team. Analysten warnen davor, dass er dabei zu radikal vorgeht. Sie verlangen, dass er zunächst die drängendsten Probleme löst, bevor er der den Konzern umbaut.

„Das permanente Restrukturieren und Reorganisieren bringt zu viel Unruhe in den Konzern“, sagte Analyst Jochen Reichert von SES Research dem Tagesspiegel. Frank Rothauge vom Bankhaus Sal. Oppenheim hält eine Neuorganisation zum jetzigen Zeitpunkt ebenfalls für alles andere als hilfreich. „Dann wäre der Konzern, ohne viel zu erreichen, mehrere Monate nur mit sich selbst beschäftigt“, sagte Rothauge. „Das kann man nicht machen, wenn man die Wettbewerber im Nacken sitzen hat.“

Der wichtigste Grund für die Kritik an Obermanns Vorgänger Kai-Uwe Ricke war ja gerade die massive Abwanderung von Kunden. Dass die Telekom seit Jahresbeginn im Festnetz mehr als 1,5 Millionen Kunden verloren hat, ist auch der Grund für die von vielen erwartete Ablösung Walter Raizners als T-Com-Chef. Der T-Mobile-Manager und Obermann-Vertraute Timotheus Höttges gilt als heißester Kandidat für dessen Nachfolge.

„Das wichtigste Ziel muss es zunächst sein, den Heimatmarkt zu stabilisieren“, sagte Reichert von SES Research. Er begrüßt, dass der Vertrieb von Mobilfunk und Festnetz inzwischen bereits zusammengelegt wurde. „Aber die neue Produktstruktur von T-Com ist beim Vertrieb vor Ort noch nicht angekommen. Da werden noch zu viele Fehler gemacht“, sagte Reichert.

Die Analysten haben jedoch Zweifel daran, dass es Sinn macht, die Sparten Mobilfunk und Festnetz gänzlich zu verschmelzen. So wie es aussieht, könnte das aber ein langfristiges Ziel Obermanns sein. „Die Frage ist, ob es für eine vernünftige Kundenbeziehung nicht reicht, wenn der Vertrieb – wie bereits geschehen – neu ausgerichtet wird“, sagte Reichert. „Ein einheitlicher Vertrieb macht Sinn“, sagte auch Analyst Rothauge. „Aber ich sehe keinen Vorteil darin, die Sparten T-Com und T-Mobile zusammenzulegen. Es gibt keine Synergien, die man heben kann.“ Im Gegenteil: „Das verursacht viel Wirbel und bringt nichts“, sagte Rothauge.

Hier sind Analysten und Gewerkschaft ausnahmsweise einer Meinung. „Der Nutzen und die Sinnhaftigkeit dieses Unterfangens sind nicht belegt“, sagte Verdi- Bundesvorstand und Telekom-Aufsichtsratsmitglied Lothar Schröder.

Analyst Rothauge erwartet von Obermann, dass er jetzt aggressiver am Markt agiert. „Die Tarife müssen auf ein realistischeres Niveau sinken“, sagte er. Auch aus dem „Telekom-Vorteil“ – Festnetz, Mobilfunk und Internet aus einer Hand – könne man mehr machen. „Der wichtigste Punkt ist, dass die Kosten weiter sinken.“ Da sei allerdings – auch von Obermanns Vorgänger Ricke – schon einiges auf den Weg gebracht worden.

Der Aufsichtsrat, so fürchtet der Analyst, habe Obermann eine schlechte Ausgangsposition beschert. Das Gremium habe es zugelassen, dass sein Vorgänger Ricke noch sein „Programm Telekom 2010“ vorstellen konnte, mit dem die Kosten gesenkt und die Kundenabwanderung gestoppt werden soll, nur um Ricke dann kurze Zeit später die Unterstützung zu versagen. „Dadurch hat der Aufsichtsrat selbst das Programm diskreditiert“, sagte Rothauge. „Jetzt ist Obermann in der ungünstigen Lage, auf das Programm noch etwas draufpacken zu müssen.“ Und viel Zeit, sich ein umfassendes Programm für die kommenden Jahre auszudenken, hat Obermann, der am 13. November zum Telekom-Chef berufen wurde, nicht gehabt. „Was Obermann präsentieren wird, ist mit heißer Nadel gestrickt“, sagte ein Kenner des Unternehmens dem Tagesspiegel. Wahrscheinlich sei, dass Obermann am Dienstag ein „umlackiertes Programm Telekom 2010“ präsentieren wird. Schließlich habe Obermann ja gemeinsam mit Ricke daran gearbeitet.

Wie das „Handelsblatt“ unterdessen aus Unternehmenskreisen erfuhr, hat Personalchef Heinz Klinkhammer (60) seinen Abschied von der Konzernspitze perfekt gemacht; er scheidet zum 31. Dezember aus. Sein Vertrag läuft bis September 2008, er gilt jedoch als amtsmüde. Mitglieder der Konzernspitze und Aufsichtsräte hatten versucht, ihn zum Bleiben zu überreden. Hintergrund ist ein Streit um seine Nachfolge. Kandidatin ist Regine Büttner, bisher zuständig für internationale Personalentwicklung der Telekom.

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