Wirtschaft : Thailand kommt auf den Boden der Tatsachen zurück

KARL KRÄNZLE[BANGKOK]

Schwere Krise zwingt das Land zu weitgehenden Zugeständnissen an den WährungsfondsVON KARL KRÄNZLE, BANGKOK

In die thailändische Krise ist Bewegung gekommen.Der Internationale Währungsfonds (IWF) und ostasiatische Staaten wollen Thailand mit Krediten bis zu 16 Mrd.Dollar (rund 30 Mrd.DM) bei der Überwindung seiner Finanzkrise helfen.Dies erklärte ein Vertreter des IWF am Montag in Tokio.Mit den Darlehen wolle Thailand vor allem seine Devisenreserven aufstocken, sagte Finanzminister Thanong Bidaya.Finanzexperten bezeichneten das Hilfspaket als sehr glaubwürdig. Es hatte lange gedauert, bis Thailand die Schwere seiner Wirtschaftskrise eingesehen hat.Erst in der vergangenen Woche hatte die Regierung über die Hälfte der Banken und Finanzinstitute geschlossen und sich damit den rigorosen Forderungen des IWF gefügt.Ziel des IWF ist es nun, Thailands ökonomische Stabilität und das Vertrauen von Investoren in die Wirtschaft wiederherzustellen.Das bedeutet eine harsche Restrukturierungspolitik und Wirtschaftsreformen, um "frisches Blut" in die brüchigen Finanzstrukturen fließen zu lassen.Finanzminister Thanong Bidaya sagte dazu: "Wir müssen einen Schritt zurückgehen, um in der Zukunft substantiellere Fortschritte zu machen." Die Schließung der Finanzinstitute soll vor allem einer Kapitalflucht ins Ausland vorbeugen und eine klare Linie zwischen die gesunden und kränkelnden Banken ziehen.Die Summe an schlechten Krediten, welche die eingefrorenen Unternehmen bislang zu verstecken versuchten, wird mit rund 22 Mrd.Dollar veranschlagt, deutlich mehr, als die Bankbehörden der Öffentlichkeit noch vor kurzem weismachen wollten.Sämtliche der geschlossenen Firmen leiden unter Liquiditätsproblemen. Bisher hatte die Regierung über 16 Mrd.Dollar in verzweifelten, doch erfolglosen Anstrengungen aufgewendet, um Thailands wackelige Finanzinstitute zu stützen.Weitere 20 Mrd.Dollar flossen - ebenfalls erfolglos - in den Kampf gegen eine Abwertung von Thailands Währung, den Baht.Thailands Börsenindex liegt heute um 54 Prozent tiefer als 1996, und die Währung hat seit Anfang Juli 23 Prozent gegenüber dem Dollar eingebüßt. Mit der Schließung der 58 Kreditinstitute können Klein- und Großinvestoren vorübergehend nicht an ihre Gelder, und Tausende Thailänder bangen um ihre gut bezahlten Jobs in der Finanzbranche.Entlassungen gehören in der Branche bereits seit Monaten zur Tagesordnung.Nach Jahren voller Saus und Braus folgt nun eine Phase der "Besinnung".Die geschlossenen Institute haben zwei Monate Zeit, Umstrukturierungspläne vorzulegen, etwa Fusionen mit stärkeren Partnern. Ferner hebt Thailand per 16.August die Mehrwertsteuer von 7 auf 10 Prozent an, und generell werden die Konsumentenpreise steigen.Die "Schocktherapie beginnt", titelte Thailands englischsprachige Tageszeitung "Bangkok Post", und in einem Kommentar sparte das renommierte Blatt nicht mit schärfster Kritik an der Regierung: "Premier Chavalit hatte ein "Dream team" von Wirtschaftsspezialisten versprochen.Statt dessen erleiden wir einen Alptraum." Politiker aller Lager seien schuld an der Misere wegen "ihrer massiven Mißwirtschaft" während der vergangenen Jahre, schreibt das Blatt.Ihr "schamloser Geiz" und eine "Politik des Geldes" hätten Thailands blühende Jahre beendet.Eine Reihe von Thailands Ministern sind persönlich von der Schließung der Finanzinstitute betroffen.In der Vergangenheit fanden Thailands hohe Politiker immer Wege, unliebsame Entscheidungen noch zu ihren Gunsten zurechtzurücken.Doch unter den Auguren des IWF "wird nicht mehr verhandelt", hieß es aus dem Büro des Premiers.Doch in einem Land, wo Leute traditionell nicht zum Wohle des Volkes Politiker werden, sondern um Geld zu machen, muß dieser Durchhaltewille erst noch bewiesen werden.

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