Wirtschaft : The Wall Street Journal: Das Imperium des Albert Frere

John Carreyrou

Früher investierte Albert Frere, einer der reichsten Männer Europas, nur in Firmen, die er kontrollieren konnte. Über mehrere Jahrzehnte hatte der 75-jährige Belgier so aus einem ehemaligen Metallbetrieb ein milliardenschweres Firmenimperium aufgebaut, das mit zahlreichen Querbeteiligungen ganze Teile der belgischen Industrie dominierte.

"Minderheitsgesellschafter sind Narren", so beschrieb er einst sein Prinzip. Heute schlägt Frere andere Töne an. Im vergangenen Monat erwarben seine Unternehmen einen 25-prozentigen Anteil an dem größten Medienkonzern Europas, der deutschen Bertelsmann AG. Auch wenn seine Beteiligungen verschlungen und undurchsichtig bleiben. Eines ist sicher: Statt viele kleinere Unternehmen zu beherrschen, hat sich Frere auf Minderheitsanteile bei den großen europäischen Konzernen verlegt.

Der Kurswechsel zeigt, dass Frere auf eine schnelle Konsolidierung der europäischen Konzerne setzt, und darauf, dass diese zu grenzüberschreitenden mächtigen Spielern aufsteigen. Das einstige Prinzip, die Investitionen auf die Kontrolle des Heimatmarktes auszurichten, hat sich mit dem Herannahen des Euro und der europäischen Integration überlebt, meinen Freres Firmenchefs. Nirgends ist dies so deutlich wie in Belgien, wo die Unternehmen reihenweise aus dem Ausland aufgekauft wurden.

Aufgewachsen ist Frere in Charleroi, dem größten Industrierevier von Süd-Belgien. Aus dem Familienunternehmen, einer Metallfabrik, hatte Frere schnell eine regelrechte Akquisitionsmaschine gemacht, die bis zum Ende der siebziger Jahre die gesamte belgische Stahlindustrie kontrollierte. Im Jahr 1982 nutzte er seine Gewinne, um die ehrwürdige überschuldete belgische Holding-Gruppe Lambert SA, GBL, vor dem Konkurs zu retten. Nach dem Kauf ordnete er deren von Finanzen zum Ölgeschäft reichenden Beteiligungsfelder kompett neu. Sein Leitprinzip über vier Jahrzehnte war die Kontrolle der Unternehmen oder Industriezweige, in die er investierte. Obwohl er heute als Minderheitsgesellschafter nicht mehr das Sagen hat, behält sein Wort Gewicht.

"Auch wenn unsere Anteile prozentual nicht mehr so groß sind wie früher, haben wir den gleichen Einfluss, weil unsere Beziehung zum Management stets sehr eng sind", sagt Thierry de Rudder, GBL-Vorstandsvorsitzender. Neben der Beteiligung bei Bertelsmann halten Freres Firmen derzeit einen 3,4-prozentigen Anteil am viertgrößten Mineralölkonzern Total-Fina-Elf und weitere 7,3 Prozent am größten französischen Versorgungsbetrieb, Suez Lyonnaise des Eaux SA.

Allein den Anteil an der Bertelsmann AG, deren Aktien nicht öffentlich gehandelt werden, schätzen Analysten auf einen Wert von 8,2 Milliarden Euro. Damit belaufen sich Freres Beteiligungen in den drei größten europäischen Industriezweigen auf insgesamt 15,9 Milliarden Euro. Auch mit seinen Minderheitsbeteiligungen sitzt Frere mit an den Konferenztischen. Bei Suez Lyonnaise darf er zwei von fünfzehn Aufsichtsräten bestimmen. Und im 13-köpfigen Aufsichtsrat von Bertelsmann kann er zwei Stühle besetzen.

Damit der Einstieg bei Bertelsmann über die Bühne gehen konnte, übertrug die Groupe Bruxelles Lambert ihren 30-prozentigen Anteil an der RTL-Gruppe auf Bertelsmann. Im Gegenzug erhielt GBL die Beteiligung an Bertelsmann. Damit hatte der deutsche Medienriese, der bereits 30 Prozent an RTL hielt, die seit langem angestrebte Kontrolle über RTL. Ausgehend vom derzeitigen Wert der beteiligten Unternehmen gehen Analysten davon aus, dass der 25-prozentige Bertelsmann-Anteil mindestens doppelt so viel wert ist wie die 30 Prozent an RTL, die an der Londoner Börse mit 4,1 Milliarden Dollar gehandelt würden.

Der Handel gelang Frere nur, weil Bertelsmann bei RTL unbedingt die Mehrheit wollte. "Für uns ist die Kontrolle über RTL besonders wichtig", sagt ein Bertelsmann-Sprecher. "RTL ist ein exzellentes, hochprofitables Unternehmen. Nun haben wir am Gewinn größeren Anteil." Fusionsexperten haben die Art, wie Frere seine Investitionen tätigt, oft kritisiert.

Seine Geschäfte gingen zulasten der Minderheitsgesellschafter, die zwar die Risiken teilten, aber nicht die Vorteile, hieß es. Gleichwohl entwickelten sich die Börsenkurse von Freres Holding-Gesellschaften prächtig. Noch bis in die frühen 90er Jahre sorgten die Aktien von Electrafina, GBL, Pargesa und Cie. Nationale a Portefeuille nicht für Freude. Doch seit 1996, als Frere seinen Investment-Kurs neu ausrichtete, stiegen die Kurse von GBL und CNP um 124 und 216 Prozent. Und wie bei Holding-Gesellschaften üblich, scheinen auch Freres Flagschiffe noch weit unter ihrem eigentlichen Wert zu notieren. Frere wird einige Jahre warten müssen, bevor er sieht, ob sich der Bertelsmann-Tausch bezahlt macht. Als Teil der Vereinbarung ist GBL berechtigt, den 25-prozentigen Anteil von Bertelsmann nach drei Jahren an die Börse zu bringen. Steigt der Wert des Mediengiganten bis dahin, würde der Erlös aus dem Börsengang direkt und unversteuert in die Kasse von GBL fließen. Denn Kapitalsteuern für Beteiligungsgewinne kennt man in Belgien nicht.

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