Wirtschaft : Thomas Berg

Geb. 1970

Bettina Andrae

Am Ostseestrand Marienkäfer dressieren: „Dallidalli, lahme Sau!“ Erster Juni 1984, letzter Kindertag in meinem Leben!, schreibt Thomas mit hellblauem Filzstift ins Fotoalbum neben die Glückwunschkarte. Die ungelenke Schrift eines fast Vierzehnjährigen, der acht Tage später zum Jugendfestival in Berlin delegiert ist: Formation Pionierblock JP7. – Es war eine tolle Atmosphäre und jeden Tag was los. Wir konnten kostenlos mit U-Bahn, S-Bahn, Bus und Straßenbahn fahren.

Früher hatte seine Mutter die Aufzeichnungen gemacht, seit 1980 übernahm Thomas das. Bei großem Wellengang baden war uns am liebsten, verzeichnet er nach ihrem Vorbild. 1975 hatte sie unter die Urlaubsbilder am Ostseestrand geschrieben: Broiler zum Mittagessen war uns am liebsten. Der Ostseestrand, wo Thomas schon mit fünf Jahren Marienkäfer dressiert, auf Äste zu krabbeln: „Dallidalli, lahme Sau!“

Ob der Wassertropfen erkennt, dass aus ihm das Meer besteht? Ob das Sandkorn weiß, dass es die Wüste ist?

Gut zehn Jahre später kratzt Thomas mit einem Freund in einer als minenfrei deklarierten Gegend zwischen Mauretanien und Marokko Sand von einer Mine, um ihn in Tüten gefüllt als Kraftsand mit nach Deutschland zu nehmen.

Thomas’ Welt ändert sich oft und heftig. Das muss kein Nachteil sein, wenn man auf der Suche ist, schon gar nicht.

1972 zieht Thomas von Karl-Marx- Stadt nach Mittweida, 1982 von Mittweida nach Berlin. Abschied von meiner alten Heimat, wo ich ein Jahrzehnt lang lebte, schreibt er nach der Scheidung der Eltern.

In Berlin fand ich neue Freunde und ich vergaß langsam die alte Heimat. Das ist gar nicht so leicht, wenn man von den neuen Klassenkameraden gefragt wird, für welchen Fußballclub man ist, und „Äfzäh Gorlmorxstodt“ antwortet.

Ein Trost: Mein Meerschwein Schecki. Es kam mit nach Berlin und es blieb trotzdem so gefräßig.

1989 hat Thomas eine Lehre als Nachrichtentechniker hinter sich. Da kann man bei der Post arbeiten. Schon früh weiß er, dass das was für ihn ist, die offizielle Sprache der Post ist schließlich rund um die Welt Französisch. Französisch kann er – ein Verdienst der Mutter.

Arbeit bei der Post als Nachrichtentechniker, dann bei DeTeWe. Qualifizierung zum Kommunikationstechniker, 1995 die Kündigung. Von der Abfindung kauft er einen alten Lastwagen und fährt über Spanien, Marokko und Mauretanien in den Senegal. Die Wüste ist die große Weite. Und Französisch kann man hier besser brauchen als bei der Post.

Sechs Mal zieht es ihn mit Freunden dort hin. Als Flucht begreift er es nie, er ist ja kein Schluffi. Schluffis, das sind für ihn die Wildgänse, die in den Süden abhauen, nur weil es dort wärmer ist. Wenn seine Wohnung in Prenzlauer Berg nicht warm zu kriegen ist, überwintert er in der Wohnung seiner Mutter. Der neue Prenzlauer Berg wird ihm ohnedies fremd, immer größer werden hier die Autos der Erfolgreichen, die um Parkplätze kämpfen. Nicht, dass ihm Erfolg unwichtig wäre, nur stellt der sich nicht so einfach ein, wenn man bei Kündigungen laut Sozialplan immer als Erster gehen muss.

In Mali kommt kein Strom aus der Wand. In Mali wird sein alter Lastwagen zum Hühnerstall. Noch Jahre später flattern mit der Post Berichterstattungen über die steigende Legeleistung der Hennen in Thomas’ Briefkasten.

1997 beginnt er in Berlin ein Studium, Regenerative Energien – und bricht es wieder ab. Als Kommunikationstechniker findet er keine Stelle, Profilierungslehrgänge beim Arbeitsamt, 150 Bewerbungen, private Jobagenturen und Umschulungen.

Die Mutter kommt nach Hause und findet ihn, um Luft ringend auf dem Boden. Seit mindestens zwei Jahren hat er ein Hirn-Aneurysma, das stellen sie im Krankenhaus Marzahn fest. Dort stirbt Thomas nach zwei Wochen Intensivstation.

Einen Monat später wollte er in seine frisch sanierte Wohnung in Prenzlauer Berg einziehen. Die nächste Reise nach Afrika war für Januar 2005 geplant.

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