Thomas Dosch : "Mehr ein Mann der Worte als der Taten"

Die Bio-Lebensmittelbranche boomt. Ein Gespräch mit Thomas Dosch, Präsident von Bioland Deutschland, über den Bio-Boom, die Grüne Woche und das erste Jahr von Verbraucherminister Seehofer.

Vogelgrippe und Fleischskandale haben die Lebensmittelbranche im letzten Jahr in den Fokus der Medien gerückt. Profitiert davon haben qualitativ hochwertige Lebensmittel und insbesondere Bio-Lebensmittel.

Wie stark sind die Auswirkungen des Bio-Booms auf die Landwirtschaft? Kann die Bio-Lebensmittel-Branche überhaupt eine steigende Zahl an Konsumenten ernähren?

Derzeit erzeugen nur ca. 4 Prozent der landwirtschaftlichen Betriebe Lebensmittel nach Ökostandards. Eine steigende Zahl an Konsumenten hat in der Vergangenheit zu mehr Betriebsumstellungen sowie neuen Verarbeitungsbetrieben und Handelsunternehmen geführt, die Bioprodukte erzeugen, verarbeiten bzw. vertreiben. Geeignete politische Rahmenbedingungen vorausgesetzt, wird dies auch in der Zukunft so sein. Somit steht auch einer Versorgung einer steigenden Zahl an Konsumenten nichts im Weg.

Ist auch der qualitative Standard zu halten, wenn deutlich mehr produziert werden muss?

Um mehr produzieren zu können, bedarf es mehr landwirtschaftlicher Betriebe, die auf Biolandbau umstellen. Eine "Massenproduktion" auf dem einzelnen landwirtschaftlichen Betrieb lassen weder die privatrechtlichen noch die gesetzlichen Biostandards zu. Eine Aufweichung von Qualitätsstandards ist mit einer Ausweitung der insgesamt erzeugten Menge an Bioprodukten nicht zwangsläufig verbunden. Allerdings bedarf es auch immer einer guten fachlichen Betreuung neuer Umstellungsbetriebe, da die ökologische Produktionsweise anspruchsvoll ist und anderes Know-how erforderlich ist als in einer konventionell geführten Landwirtschaft.

Ihre Einschätzung: Was treibt die Leute zu Bio: Neues Gesundheitsbewusstsein, Gewissensbefriedigung, besserer Geschmack, Lifestyle? Und wie lange hält der Trend?

Über viele Jahre wurde den Menschen in Deutschland erzählt, alle Lebensmittel seien sicher. Nach jedem Lebensmittelskandal hat die Politik versprochen, neue Skandale durch verschärfte Kontrollmaßnahmen zu unterbinden. Die Erfahrung lehrte die Konsumenten allerdings, dass sie selbst Verantwortung für ihre "Mittel zum Leben" übernehmen müssen. Bio verspricht in erster Linie einen Produktionsprozess ohne chemisch-synthetische Hilfsmittel - sowohl in der landwirtschaftlichen Urproduktion als auch in der Lebensmittelverarbeitung. Davon erwarten sich viele Menschen sicher gesündere Lebensmittel. Umfragen zeigen jedoch, dass auch die artgerechte Tierhaltung und der regionale Bezug der Lebensmittelerzeugung eine große Rolle spielen. Ich denke, Bio ist eine Lebenseinstellung, die mit bewusster Ernährung und "gutem Gefühl" einher geht. Dazu kommt, dass Bioprodukte heute gerade bei Spitzenköchen wegen ihres guten Geschmacks beliebt sind. Wer nicht gerade miserabel kocht, wird dies in der Regel auch in seiner eigenen Küche erleben können.

Warum ist Bio besonders in Metropolen gefragt? Wünscht sich der Städter Landluft in Form von Bio?

Ich denke, dass in Metropolen die Versorgung mit Bioprodukten einfacher ist. Immer mehr "Läden um die Ecke" führen Bioprodukte in ihren Regalen. Aber auch auf dem Land ist Bio gefragt, wenn es mit der Versorgung klappt.

Welche Ernährungstrends für die nächsten Jahre prognostizieren Sie? Kommt "Geiz ist geil" wieder, oder ist die Suche nach Qualität bei den Verbrauchern nicht mehr aufzuhalten und langfristig?

"Geiz ist geil" gilt sicher auch heute noch. Auch wenn viele Konsumenten Verantwortung für ihre Lebensmittel übernommen haben und sich aktiv kümmern, glaubt doch der Großteil der Menschen den Werbeversprechungen der Industrie und den Beteuerungen der Politik - nach dem Motto "aus deutschen Landen frisch auf den Tisch, und alles ist gut". So wie sich aber ein anderer Teil der Verbraucherschaft immer kritischer zeigt, so wächst auch die Bereitschaft von Lebensmittelhandwerk und Lebensmittelindustrie, selbst aktiv auf hohe Qualitätsstandards zu setzen. Das bewirkt, dass diese Akteure selbst wieder versuchen, neue Verbraucherschichten für ihre Qualitätsprodukte zu gewinnen. Allerdings ist "der Verbraucher" auch nicht mehr das, was er gemeinhin einmal gewesen sein mag. Heute gibt es zum Frühstück das Biomüsli, zum Mittag Fast Food und zum Abend das bewusst zubereitete Abendessen zu Hause oder das noble Restaurant. Trends lassen sich da schwer vorhersehen.

Wie reagieren die kleinen Einzelhändler auf die Biosupermärkte? Ist der 68er Ökomief der ersten Biogeneration nicht von gestern?

Auch kleine Einzelhändler haben ihre Läden längst "gelüftet". Von 68er Ökomief ist da nichts mehr zu spüren. Vielmehr übernehmen gerade die kleineren Läden heute die Funktion von klassischen Nahversorgern. Das ist nicht nur für ältere Menschen ohne Auto von Vorteil. Meines Erachtens heißt das Zauberwort "Differenzierung". Es kommt darauf an, Leistungen zu bieten, die jeweils möglichst einzigartig sind. Das kann die Produkte, den Service oder die Lage des Geschäfts betreffen.

Was erwarten Sie sich als Verband von der Grünen Woche?

Die Grüne Woche ist die Zeit, in der sich Menschen und Medien für Landwirtschaft und für Agrarpolitik - und damit auch für komplexere Zusammenhänge interessieren. Wir wollen die Tage für viele Gespräche - auch für die Auseinandersetzung mit unseren Politikern in Berlin - nutzen. Begegnung und Austausch steht im Mittelpunkt der Grünen Woche.

Wie beurteilen Sie das erste Jahr des Verbraucherschutzministers Horst Seehofer?

Minister Seehofer ist als Person ein angenehmer Mensch. Er versteht es, unsere Sorgen und Nöte zu reflektieren. Im Ergebnis bleibt aber für's erste Jahr festzustellen, dass er bisher mehr ein Mann der Worte als der Taten ist. Jedenfalls haben einige Weichenstellungen der Biobewegung nicht gerade gut getan. Auch das Eckpunktepapier von CDU und CSU zur Änderung des Gentechnikgesetzes ist aus unserer Sicht nicht geeignet, diejenigen zu schützen, die keine Gentechnik im Essen haben wollen.

Die Fragen stellten Dirk Hönerbach und Markus Mechnich (tso)

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